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Berufsdemokraten, 02/2012

Erwin Schütterle

Nein, ich möchte nicht in der Haut des Bundespräsidenten stecken. Schließlich können wir Hannoveraner ein Lied davon singen, wie unbarmherzig und wie unberechenbar die Medien zuschlagen. Da wurden jahrzehntelang unsere Heimatstadt als „langweilig“ und wir Einwohner als „graue Mäuse“ beschrieben - egal ob wir ein Jahrhundertereignis wie die EXPO veranstalten, das Grammophon, die Schallplatte, die CD-Serienproduktion, das Farbfernsehen, die Kekse oder die Cinemaxxe erfinden. Wenn jedoch Hannover 96 Bayern München eine Niederlage verpasst, eine Bischöfin nach einem (für Politiker verzeihlichen) Fehltritt beispielhaft und ohne Wenn und Aber zurücktritt, eine völlig unbekannte und nicht auf den Mund gefallene hannoversche Abiturientin Europameisterin im Fernsehsingen wird und der Bundespräsident, der Vizekanzler und eine der fähigsten Bundesministerinnen aus der Leinemetropole kommen, dann rauscht plötzlich ein erstauntes, ungläubiges Raunen ob der hannoverschen Opulenz durch den bundesrepublikanischen Blätterwald   …um ganz schnell in die alte Häme zu verfallen, sobald der Bundespräsident Probleme damit hat, Freundschaft und Herrschaft unter einen Hut zu bringen und im Gegensatz dazu der Vizekanzler zu anständig und zu skandallos ist. Selbst wenn in diesen Tagen die ziemlich banale Feststellung gemacht wird, dass mehr Hannoveraner die 96er-Spiele im Fernsehen verfolgen als die Dortmunder ihre BVB-Spiele, steht in der ehrwürdigen ZEIT der tiefsinnige Satz „Hannover gibt gerade immer mehr Rätsel auf“.

Ich will in dieser Kolumne nicht auch noch meinen Senf zur Causa (hört sich besser an als „zum Fall“) des Osnabrücker Bundespräsidenten beisteuern oder den längst überflüssigen Rücktritt fordern. Für mich wäre es eine ungleich härtere Strafe, unter den gegebenen Umständen im Amt bleiben zu müssen. Aber ich bin ja auch nur der oft zitierte einfache, kleine Bürger, dem zwei andere Aspekte dieses speziellen Falles und der allgemeinen Entwicklung Sorgen machen: Es ist zum einen die beängstigende Verflachung des Begriffs Freundschaft und dessen zunehmende Verquickung mit Wirtschaft. Der Begriff Freund (eigenartigerweise dominiert eindeutig die männliche Variante) hat geradezu inflationäre Ausmaße erreicht und diese Beziehungen haben offenbar mit Freundschaft so viel zu tun wie Schillers „Bürgschaft“ mit „Tausend bunten Luftballons“. Ich gönne allen Facebookern, allen Strippenziehern und allen Präsidenten ihre zwei-, drei- oder vierstellige Anzahl von Freunden - ich gönne ihnen aber auch von ganzem Herzen den einen oder den anderen echten Freund oder die richtig gute Freundin, die mit ihnen durch Dick und Dünn, Höhen und Tiefen gehen. Freunde, die ihre Freundschaft nicht mit „windigen“ Geschäften aufs Spiel setzen, dafür vor Gefahren warnen und untereinander Klartext reden, wenn einer mal Mist gebaut hat. Eine echte Freundschaft ist auch nie eine Einbahnstraße, sondern immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Der andere Aspekt ist politischer Natur: Offenbar kann der einfache, kleine Bürger gut damit leben, von einem Staatsoberhäuptling repräsentiert zu werden, der keinen Deut besser ist als sie. Einer, der Schwächen und Stärken hat und genauso den Schnäppchen nachjagt wie sie - mit dem einzigen (aber gewaltigen) Unterschied, dass er es eigentlich gar nicht nötig hätte und daher nicht mal ansatzweise in den Verdacht kommen müsste, Macht und Moneten nicht mehr auseinanderhalten zu können. Dann gibt es ein paar Zeit(ungs)genossen - zu denen auch ich gehöre - die mit Sorgen feststellen, dass die hauptamtlichen (und lebenslang gut bezahlten) „Berufsdemokraten“ immer respektloser mit ihren eigenen Gesetzen und unserer (eigentlich noch gar nicht so alten) „freiheitlich demokratischen Grundordnung“ umgehen. Wenn z.B. ein Landtag in vollem Bewusstsein beschließt, sein Landtagsgebäude abreißen zu lassen, obwohl sein selbst beschlossenes Denkmalschutzgesetz dies verbietet oder eine Regierung das Parlament belügt, dann wird unser demokratischer Grundkonsens schwer beschädigt. Und wenn ein Ministerpräsident sein Parlament mit winkeladvokatischen Einlassungen „verhöhnt“ (HAZ-Chefredakteuer Matthias Koch), dann verhöhnt er auch unsere Demokratie und verhöhnt alle die zahlreichen kleinen, ehrenamtlich tätigen und unersetzbaren „Laiendemokraten“ in den Stadt-, Bezirks- oder Ortsräten.

Das gleiche gilt für die Medien. Sie sind die Hüter einer Demokratie und so notwendig wie nie. Sie sollen aufdecken und aufklären, aber auch sie sollen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein, ihre Grenzen kennen und unsere demokratische Kultur respektieren und schützen. Sie sollen keine „krummen Dinger“ drehen, nicht den Scharfrichter spielen und mir oder unserem Land vorschreiben, wer der richtige und wer der falsche Präsident, Kanzler oder Bürgermeister ist. Auch „Schlagzeilengeilheit“ beschädigt die Demokratie, die durchaus etwas mehr Pflege und Achtung gut gebrauchen könnte. Mit der Demokratie ist es nämlich wie mit der Liebe oder einer echten Freundschaft: Man bekommt sie zunächst geschenkt oder man hat für sie gekämpft. Wenn man dann aber nicht ihre Stärken und Schwächen akzeptiert und wenn man sich nicht tagtäglich um sie bemüht, wird sie sinnlos oder sie geht verloren.

Erwin Schütterle

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