Freundeskreis Hannover e. V.
  Freundeskreis e. V. Hannover
Herzlich Willkommen im Freundeskreis Home 28.03.2017



 

Das rote Hannover, 04/2012

Erwin Schütterle

Das Stadtlogo ist rot, Linden ist rot, die erfolgreichen Fußballer von Hannover 96 nennen sich „die Roten“ (auch wenn ihre Farbe grün ist), Schwitters „Anna Blume ist rot“ (auch wenn Blau die Farbe ihres gelben Haares ist), Haarmann wohnte in der Roten Reihe, in Hannover gibt es den Roten Faden, den Roten Salon …und hier wurde 1969 der Rote Punkt nicht nur erfunden, er wurde am Donnerstag, 8. März 2012, eindrucksvoll und mit erneuter weltweiter Aufmerksamkeit wiederbelebt. Diesmal jedoch (zum Entsetzen eines linken Ratsherren) mit vertauschten Rollen: Damals war es ein Aufstand des Volkes, der Gewerkschaften und der unterschiedlichsten linken Gruppen gegen die ÜSTRA, jetzt wurde der Rote Punkt vom Volk, der ÜSTRA, der Messe und den Medien gegen die Gewerkschaft eingesetzt, die mit ihrem Warnstreik während der diesjährigen CeBIT die Weltoffenheit und Gastfreundschaft Hannovers „mit Füßen trat“.

Ich glaube, dass es angebracht ist, an dieser Stelle einmal alle N 60 (nach 1960 Geborenen) darüber aufzuklären, dass damals in Hannover so etwas wie eine regionale Revolution stattgefunden hat. Revolution deshalb, weil zum ersten und vielleicht zum letzten Mal die gesamte Stadtbevölkerung (Schüler, Studenten, Professoren, Pastoren, Kaufleute, Arbeiter, Angestellte usw.) durch eine gigantische, gemeinsame, gewaltlose und mitunter heitere Bewegung „tiefgreifende soziale und ökonomische Veränderungen wie z.B. neue Eigentumsverhältnisse“ erfolgreich durchsetzte.

Auch wenn heute - nach 43 Jahren - verschiedene Gruppen, Akteure und „Aktivisten“ die Hauptrolle bei dieser Aktion für sich reklamieren und es unterschiedliche Sichtweisen gibt, will ich versuchen, in einem „Schnelldurchlauf“ die genauso spannenden wie faszinierenden zehn Tage in Erinnerung zu rufen: Zunächst muss man sich klar machen, dass in Deutschland seit 1967 politisch „alles unter Strom stand: Vietnamkrieg, Notstandsgesetze, Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke usw.“ In Hannover gab es jede Menge „Rote“, u.a. einen Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), einen politisch aktiven Allgemeinen Studentenausschuss (AStA), die DKP und die KPD, den „Club Voltaire“, den Kabarettisten Dietrich Kittner und den Soziologen Manfred Lauermann. Als die ÜSTRA (damals im Besitz der Preußenelektra, dem zweitgrößten deutschen Energieversorgungsunternehmen mit Sitz in Hannover - heute E.ON) zum 1.6.1969 die Fahrpreise um 33 % erhöhte und gleichzeitig eine Gewinnausschüttung von 1,4 Millionen DM beschloss, protestierten am 7. Juni zunächst „Lehrlinge, Schüler und Studenten“ (!) gegen diese Preiserhöhung - obwohl pikanterweise ihr Tarif gar nicht verändert wurde. Am 9. Juni wurden die ersten Straßenbahnen (es gab noch keine U-Bahn) blockiert. Die Bevölkerung indes verhielt sich zunächst passiv bis ablehnend. Man wollte mit den roten Krawallmachern nichts am Hut haben. Als sie aber aus nächster Nähe zusehen musste, wie die ersten friedlichen Demonstranten durch ein massives Polizeiaufgebot verhaftet bzw. „recht brutal eingekesselt“ wurden und die Polizei (erstmals in Deutschland?) Tränengas einsetzte, kippte die Stimmung. Bereits am 11. Juni solidarisierten sich über 10.000 hannoversche Bürgerinnen und Bürger mit den Zielen der Demonstranten; und die Ladenbesitzer versorgten die Gleisbesetzer mit Kaffee und Kuchen. Nachdem die Polizei zurückgezogen wurde, versuchten Stadt und ÜSTRA es auf die radikale Tour und stellten am 12. Juni den gesamten Bus- und Bahnverkehr ein - in der Hoffnung, so die Bevölkerung gegen die Demonstranten aufzubringen. Diese Taktik ging aber voll „in die Hose“, denn jetzt geschah etwas bis heute (weltweit?) Einmaliges: Die Hannoveraner nahmen den gesamten Nahverkehr selbst in die Hand. An vier von fünf Autos klebte ein roter Punkt an der Scheibe, der signalisierte: Ich nehme Mitfahrer mit. Langhaarige riefen per Megaphon die Fahrtziele der haltenden Autos und die Anzahl der freien Plätze aus, Studenten regelten den Verkehr, Taxen hatten das Nachsehen. Der städtische Nahverkehr soll besser funktioniert haben als bei der ÜSTRA und bereits am 17. Juni beschloss der Rat einstimmig (!), die Preise sogar unter das alte Niveau zu senken und die ÜSTRA in städtischen Besitz zu übernehmen. Als dann die (rivalisierenden) „Roten“ - berauscht von diesem Erfolg - von Hannover aus die große Weltrevolution starten wollten, spielten die Hannoveraner nicht mehr mit.

Jedenfalls bis jetzt zum 8.3.2012. Da zeigten sie ver.di mit dem „Roten Punkt“ die „rote Karte“ und sorgten so dafür, dass die Messegäste an ihr Ziel kamen. Nebenbei signalisierten sie den Gewerkschaftsbossen, dass sie mit ihren „Es-muss-wehtun-Aktionen“ -zumindest in Hannover- riskieren, das durchaus vorhandene Verständnis der Bevölkerung für die Streikenden zum Kippen zu bringen. Mich persönlich haben die sattsam bekannten „Machtspielchen“ und das bloße Muskelzeigen - egal von welcher Seite und in welchem Bereich - noch nie imponiert. Ich wünschte mir, dass die Gewerkschaften, wenn sie schon kein Herz für „unschuldige“ Messegäste haben, mehr durch Gehirn überzeugen. Wie wäre es z.B., wenn nicht nur VW seinen Mitarbeitern Erfolgsprämien auszahlt und die privaten Krankenkassen bei Nichtinanspruchnahme von Leistungen Beiträge zurückerstatten, sondern auch die Gewerkschaften bei der streiklosen Einigung auf einen akzeptablen Kompromiss ihren Mitgliedern Gewerkschaftsbeiträge zurückerstatten? Zur Not könnte man auf den reichen Erfahrungsschatz der katholischen Kirche zurückgreifen und die Verhandlungsführer solange „einsperren“, bis sie sich geeinigt haben. Von mir aus dürfte dann ruhig roter Rauch dem Kamin entweichen.

Erwin Schütterle

‹‹‹ zurück



 

in 4 Tagen:
01.04.17, 09:30 Uhr
FREUNDE IM GESPRÄCH am 1. April
Das Freundeskreis-Frühstück im Café EMMA
mehr ›
03.04.17, 18:00 Uhr
Offene Gesellschaft unter Druck - Erste Diskussionsveranstaltung

mehr ›
09.04.17, 10:00 Uhr
Freundeskreis beim HAJ-Marathon

mehr ›
06.05.17, 09:30 Uhr
FREUNDE IM GESPRÄCH am 6. Mai
Das Freundeskreis-Frühstück im Paradies-Provence
mehr ›
06.06.17, 18:00 Uhr
Offene Gesellschaft unter Druck - Zweite Diskussionsveranstaltung

mehr ›
24.08.17, 18:00 Uhr
Offene Gesellschaft unter Druck - Dritte Diskussionsveranstaltung

mehr ›
19.09.17, 19:00 Uhr
Offene Gesellschaft unter Druck - Vierte Diskussionsveranstaltung

mehr ›