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Familiär, 06/2012

Erwin Schütterle

Ursprünglich wollte ich diese Kolumne „Auszeit“ betiteln. Im Sport bedeutet das die Unterbrechung eines Spiels „um die Taktik an neue Gegebenheiten“ anzupassen. Im Berufsleben nehmen Menschen mit einer Auszeit „Abstand von ihrer gewohnten Tätigkeit, um neue Perspektiven zu gewinnen“. Häufig wurde beim positiven Ausgang der Causa Schmadtke dieser Begriff ins Spiel gebracht. Schnell war mir aber klar, dass ich mit diesen Sichtweisen nicht zum Kern der Causa Schmadtke vorstoße. Keine Angst: Die sportliche Bewertung dieses „Minidramas“ um unseren in Hannover verbleibenden Sportdirektor überlasse ich gerne kompetenteren Zeitgenossen. Dafür habe ich schon ziemlich früh - mehr zwischen den Zeilen - eine elementare menschliche und auch gesellschaftspolitisch bemerkenswerte Komponente entdeckt und festgestellt, dass dieser Aspekt in der umfangreichen Berichterstattung nur am Rande zur Sprache kam.

In einer beispielhaften Offenheit hat ein mit 48 Jahren noch relativ junger, beruflich erfolgreicher Familienvater den Mut gehabt, öffentlich zu sagen, dass er Familie und Beruf nicht mehr unter einen Hut bekommt, deshalb „gravierende Probleme mit seiner Familie in Düsseldorf“ habe und aus diesem Grund um die Auflösung seines (in dieser Branche höchst selten) unbefristeten Vertrags bittet. Konkret heißt das nichts anderes als: Meine Familie ist mir wichtiger als Geld, Erfolg, Karriere! Da taucht doch gleich die Frage auf: Kann sich ein erfolgreiches, gestandenes Mannsbild  solche Gefühlsduseleien erlauben? Wo kämen wir hin, wenn alle Männer oder Frauen, mit beruflich bedingten Fernbeziehungen, aus ihrem Arbeitsvertrag aussteigen wollten? Muss ein erfolgreicher Manager dieses kleine private Problem nicht auch managen können? Schmadtke meint es ernst und sagt frei heraus, dass er nichts gegen Hannover hat und dass es ihm in erster Linie um das Glück und die Zufriedenheit seiner Familie geht. Kein Mensch - außer 96-Boss Martin Kind vielleicht - nimmt ihm dies ab. Was wurde herumspekuliert, dass er längst in Köln angeheuert habe oder mit (Teilen von) Hannover 96 nicht mehr klar komme.

Auch ich kenne das seltene Glück, einen Vorgesetzten gehabt zu haben, der in mir nicht allein eine fürs Unternehmen nützliche Führungskraft sah, sondern auf ein elementar-persönliches Problem sensibel und verständnisvoll reagierte bzw. zu einer für beide Seiten zufrieden stellenden Lösung beitrug. Dazu brauchen beide Seiten eine Eigenschaft, die Martin Kind neben seinen Manager-Qualitäten nicht unbekannt ist und die man am zutreffendsten mit dem altdeutschen Begriff Vertrauen beschreiben kann. Ein weiterer Aspekt wurde auch beim letzten hannoverschen Festival der Philosophie angesprochen: „Das Problem der Zeit ist zu wenig Zeit. Man braucht Momente der Entschleunigung um über grundlegende Entscheidungen nachzudenken“, brachte es ein Redner auf den Punkt. Trotz Turbokapitalismus erkennen erfreulicherweise immer mehr Unternehmen, dass - jetzt neudeutsch ausgedrückt - die Work-Life-Balance stimmen muss, ein Mitarbeiter evtl. mal eine Auszeit benötigt und dass Familienfreundlichkeit sich letztendlich sogar fürs Unternehmen rechnet. Zugegeben, mit der Umsetzung dieser Erkenntnis tun sich die großen Unternehmen leichter als die Kleinen und Mittleren, die auf jedem einzelnen Mitarbeiter angewiesen sind. Wenn sich aber das Unternehmen selbst - wie in unserem Falle Hannover 96 oder noch weiter gedacht die Stadt/Region Hannover - als eine kleine oder große Familie betrachtet, sieht die Welt etwas anders aus. Einen neuen Arbeitsplatz im Großraum Düsseldorf zu finden, wäre für Schmadtke das kleinste Problem gewesen und in Hannover sind ebenfalls bereits reichlich Bewerbungen um die frei gewordene Stelle eingegangen. Eine intakte Familie lässt ein vertrautes Familienmitglied, das ein Problem hat, aber nicht einfach gehen. Da spricht man miteinander, hört man aufeinander, sucht nach Lösungen und kämpft nötigenfalls um den Zusammenhalt. Als Nebeneffekt stellt man dann fest, dass nach offenen, möglicherweise auch harten Gesprächen, das Fundament der Beziehungen verfestigt wird.

Fazit: Ich freue mich nicht nur über den aktuellen sportlichen Erfolg von Hannover 96 und das Verbleiben des an diesem Erfolg nicht unerheblich beteiligten Sportdirektors. Auf die Gefahr hin, dass auch mir jetzt Gefühlsduselei unterstellt wird, bin ich darüber hinaus auch stolz darauf, dass Hannover mit dem respektvollen und menschlichen Umgang mit einem das Glück seiner Familie achtenden Ehemann und Vater (wieder einmal) positiv aufgefallen ist.

„Meine Heimat ist da, wo mein Familie ist“ sagt Jörg Schmadtke. „Nun denn“, sagen wir und heißen ihn, seine Frau Andrea, seine Tochter Mara und seinen Sohn Nils in seiner neuen Heimat, der Großfamilie Hannover, herzlich willkommen. Gerne zeige und erkläre ich den Hannover-Neulingen höchstpersönlich, wie diese Stadt-Familie so tickt.

Erwin Schütterle

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