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Gefühlssache, 07/2012

Erwin Schütterle

kennen Sie auch dieses komische Gefühl, etwas gut, richtig und letztendlich sogar auch noch vernünftig zu finden, aber die Fachleute, die sogenannten Experten, sehen das ganz anders. Falls Sie es nicht längst wissen oder ahnen: Ich bin eine Gefühlsmensch. So gut wie alle alltäglichen aber auch alle elementaren, lebensverändernden Entscheidungen habe ich mehr oder minder „aus dem Bauch“ heraus getroffen - und bin damit bis heute erfreulich gut gefahren. Selbstverständlich habe ich den Kopf dabei nicht ausgeschaltet und ihn immer wieder für und gegen den Bauch arbeiten lassen. Auch ist mir durchaus bewusst, dass der berühmt-berüchtigte „Gesunde Menschenverstand“ und das ganz tief im Inneren sitzende „Bauch-Gefühl“ nichts miteinander zu tun haben.

Frage: hat eine Stadt, hat Hannover auch ein Gefühl? Wenn ja, ist das eher ein einheitliches Stadtgefühl oder ist auch dieses Gefühl parteipolitisch aufgegliedert? Zwei Übungs-Beispiele: Die Politik hat beschlossen, in die neu geschaffene Anlage am Opernplatz ein Toilettenhäuschen zu platzieren. Das hat vorerst mal mit Gefühl überhaupt nichts zu tun, eher mit Bedürfnissen. Menschlichen. Das ist eine politische, demokratisch zu Stande gekommene Sachentscheidung. Wem diese Entscheidung nicht gefällt, der kann bei der nächsten Wahl den Parteien, die für eine Toilette am Opernplatz sind, seine Stimme verweigern. Anders sieht es mit der Platzierung dieses stillen Örtchens aus. Die Fachleute, die Experten, haben bestimmt jede Menge gute Gründe, dieses WC-chen in unmittelbarer Nähe des Opernhauses (jetzt nicht mehr vor dem Fenster des Intendanten, jetzt vor dem Fenster der Generalmusikdirektorin) zu platzieren. Könnte es sein, dass sich jetzt das Stadtgefühl meldet und zu Bedenken gibt, dass unser Opernhaus ein markanter, stadtprägender, viel fotografierter Solitär ist, den man vor Buden und Häuschen schützen sollte? Wäre es nicht gefühlvoller, dieses WC in die Nähe der vorbeiführenden Straße aufzustellen und damit das Gefühl entstehen zu lassen, dass diese Toilette zur Straße und nicht zur Oper gehört?

Ungleich schwieriger ist es bei der momentan heiß diskutierten Fassadengestaltung des Sprengelanbaus: Ich habe seinerzeit die Entwürfe, die in die enge Wahl kamen, genau angeschaut. Ich gestehe: Ich war (erstmals) von der Entscheidung einer Jury voll angetan. Hauptsächlich war ich von der ursprünglichen Fassadengestaltung mit den versetzen Spiegeln hellauf begeistert. Ich sah vor meinem geistigen Auge, wie dieser ansonsten massive, äußerlich schlichte Bau - je nach Tageszeit, Jahreszeit, Wetterlage - an dieser markanten und voll einsehbaren Stelle das Leben um das Museum herum gleichsam aufnimmt, widerspiegelt, verzerrt und - passend für ein Museum - auch an den Außenwänden höchst aktuelle virtuelle Bilder zeigt. Die hochgelobten „tanzenden Räume“ aus dem Inneren hätten in einem tanzenden Äußeren ihr Pendant gefunden. (Ganz zu schweigen von der einzigartigen Goldkante, die die goldene Unterseite des Gesimses im Wasser gespiegelt hätte …und als erstes gestrichen wurde.) Aus welchen Gründen auch immer haben die Fachleute ziemlich schnell diese „einfache“ aber offenbar zu teure Fassadengestaltung in Frage gestellt und präsentieren jetzt - nach meinem Gefühl mit etwas übertriebener Begeisterung - den „Stein der Weisen“: polierter und unpolierter schwarz-anthraziter Beton.

Ich gebe auch zu, dass ich Leserbriefe äußerst vorsichtig an- und auffasse - andererseits aber gerne lese, weil ich darin so etwas Ähnliches wie ein Ventil des eingangs erwähnten Stadtgefühls sehe. Und das spricht sich ziemlich eindeutig gegen die schwarze Version aus. Man könnte jetzt das alte, längst widerlegte Vorurteil ins Spiel bringen, dass die Hannoveraner grundsätzlich gegen Neues und Ungewohntes sind. Wehrten sie sich 1974 nicht vehement gegen die Aufstellung der Nanas, die heute lieb gewonnenen Symbole für das fröhliche, bunte, lebensbejahende Hannover sind? Nun, es gab damals auch jede Menge Befürworter und Verantwortliche, die nicht nur selbst von der Richtigkeit ihrer Absicht voll überzeugt waren, sondern auch letztendlich die Bürger davon überzeugten. Ich bin kein Baufachmann und sehe mich deshalb außerstande, konkrete Rat- und alternative Vorschläge zu machen. Ich Gefühlsmensch erdreiste mich lediglich, als Sprachrohr des Stadtgefühls aufzutreten und an die Verantwortlichen zu appellieren, die Gefühle der Menschen nicht einfach abzutun und mit dem „Kopf durch die (Beton-)Wand“ zu gehen. Sie sollten berücksichtigen, dass einige Betonbausünden im Stadtgefühl bei den Bürgern tiefgreifende Ängste hinterlassen haben und sich fragen, warum z.B. die Sparkasse viel Geld dafür ausgeben will, die schwarze Fassade ihres Hochhauses am Raschplatz gegen eine helle Verkleidung auszutauschen. Politiker und Fachleute sollen bitte schön auch zur Kenntnis nehmen, dass die Hannoveraner keine notorischen Nein-Sager sind. Sie sollten - bitte schön - respektieren, dass den Bürgern vielmehr ihre Stadt sehr am Herzen liegt. Die Bürger und ihre Gäste möchten am Nordufer des Maschsees, gleich nach dem majestätischen Bürger-Rathaus, der modernen Nord-LB und dem prachtvollen Landesmuseum ein buntes, weißes - und wenn schon ein schwarzes- dann aber ein wirklich beeindruckendes Sprengelmuseum erleben, das Kopf, Herz und "Bauch" entzückt …und nicht bedrückt.

Erwin Schütterle

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