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Spielereien, 08/2012

Erwin Schütterle

Keine Frage: In Hannover kann man was erleben. Zum Beispiel neulich, nicht am Freitag, den 13., sondern einen Tag davor: Der Tag beginnt mit einer sensationellen Zeitungsmeldung. Die Affen sind los! Nicht im übertragenen Sinne, sondern echt – im Zoo Hannover. Die Schimpansen, die nächsten lebenden Verwandten des Menschen (nach neuesten Untersuchungen teilen sie 98,63 % unseres Erbgutes) haben die Chance genutzt, ihr stumpfsinniges Zooleben endlich mal wieder mit einem Spaziergang in die Freiheit zu versüßen. Ich bitte um Nachsicht, dass ich beim Anblick des Fotos, auf dem ein Schimpanse – offenbar vor Freude – einen Zoobesucher in den Arm nimmt, spontan ähnliche Fotomotive vom Fall der Mauer in den Sinn kommen. Den gewaltigen Polizeieinsatz finde ich etwas übertrieben, da ich nämlich so gut wie sicher bin, dass sowohl Mensch als auch Affe nur durch den Ausgang den Zoo verlassen können. Etwas nachdenklich macht mich jedoch der Hinweis des zoologischen Schimpansenexperten, dass der massive Polizeieinsatz offenbar für einige (aus Schimpansensicht) unbeliebte Affenwärter nötig war. Schimpansen sollen nämlich - ähnlich wie Elefanten - verdammt nachtragend sein - und wenn sie mal die Möglichkeit haben… (Wie Sie wissen, haben die Schimpansen schnell eingesehen, dass das Leben in Freiheit ziemlich anstrengend ist und sind freiwillig in ihr enges aber gut versorgtes Lager zurückgekehrt. Ihr Ausbruch hat sich trotzdem gelohnt: Sie bekommen überraschend schnell eine artgerechtere Behausung, Spielzeug und Lesefutter. Der Zoo bittet um Bücherspenden.)

In meinem Büro (direkt am Klagesmarktkreisel) kann ich an diesem Tag nicht arbeiten. Abgesehen vom Baustellenlärm (liebe Leute, wenn Sie diesen Kreisel so wie ich tagtäglich vor Augen gehabt hätten, könnten sie spielend nachvollziehen, warum der Umbau zum Schutz von Leib und Leben der Benutzer zwingend erforderlich ist) höre ich wüstes Geschrei, ohrenwehtuendes Gepfeife, darin untergehende Lautsprecherdurchsagen, ab und an unverständliche Musik. Ein Blick aus dem Fenster klärt mich auf: NPD-Minderheit gegen DGB-Mehrheit – und das auf dem Klagesmarkt! Wenn bei dem Krach schon an Arbeiten nicht zu denken ist, beschließe ich, die Gegendemonstranten mit meiner Anwesenheit zu unterstützen, Farbe zu bekennen und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen.

Nun, von den - dem Vernehmen nach - angemeldeten 50 braunen Hohlköpfen sehe ich in einem weiträumig abgesperrten Areal so gut wie keinen (es sollen 16 gewesen sein) – dafür einen bunt beklebten LKW mit dummen Sprüchen gegen Ausländer und gegen Europa, geschätzte 200 pfeifende und geschätzte 100 nicht pfeifende Gegendemonstranten (darunter einige gute Bekannte) – und mindestens 150 Polizisten, zu Fuß, hoch zu Ross, per Auto. Ich habe das Gefühl, das alles sind gut eingespielte Teams. Nur pfeifen, nur grölen, nur bewachen macht aber offenbar auf Dauer keinen Spaß. Also nutzen ein paar Gegendemonstranten die Chance, mal wieder die Polizei etwas zu provozieren und zu ärgern. Ich sehe mit eigenen Augen, wie einer sein Fahrrad wiederholt und trotzig wie ein jähzorniges Kind in die Beine der Polizisten rammt. Deren Nerven liegen, nach stundenlangem Rumstehen und stundenlangem, pausenlosen Pfeiffterror durchaus verständlich, ziemlich blank. Sie stürzen sich auf den Übeltäter, nehmen ihn fest und stecken ihn in ein Polizeiauto. Jetzt sind plötzlich die NPD, deren Schwachsinn und deren Gefahr für unser Land, so gut wie vergessen. Jetzt ist offenbar die Polizei der Feind und jetzt liegt plötzlich - auf beiden Seiten - nackte Aggressivität in der Luft. Die x-mal skandierten Kinderverse „Ein, zwei, drei, lasst den Bürger frei!“ beruhigen mich in keinster Weise, denn: Die Helme werden aufgesetzt, die Visiere heruntergeklappt, die Schlagstöcke gezückt. Wie aus dem Nichts tauchen reichlich auf hohen Teleskopstöcken aufgepflanzte Videokameras auf, Pferde, Reiter, geübte Berufsdemonstranten, vorsichtige Laiendemonstranten, zufällige Zaungäste werden immer unruhiger – und auch ich bekomme so langsam Muffe. Den Zaun im Rücken stelle ich fest, dass meine Fluchtmöglichkeiten denkbar schlecht sind. Schleunigst verlasse ich den Brennpunkt und mache mit gebührendem Abstand meine Fotos von diesem aufregenden Erlebnis lieber mit dem Tele als mit dem Weitwinkel. Irgendwie schaffen es die berittenen Polizisten, eine Schneise in die (Gegen)Demonstranten, die das Auto mit dem Festgenommenen belagern, zu schlagen. Das Auto rast im Slalom durch die Grabsteine des Nikolaifriedhofes, verfolgt von einem Pulk brüllender - ja was nun - Demonstranten, Gegendemonstranten, Menschen – oder Affen?

So viel zum Stadtleben, zu Tieren, zu Menschen und zur Freiheit. Für mich nichts Neues. Ich komme vom Dorf. Immer wieder wurde eine Sau durchs Dorf getrieben, immer wieder mussten ausgebrochene Tiere eingefangen werden …und leidenschaftlich gerne spielten wir „Räuber und Gendarm“ - wobei ich grundsätzlich lieber die Räuberrolle spielte.

Erwin Schütterle

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