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Kaufen und Beten 12/2012

Erwin Schütterle

Es ist wieder soweit: Wenn auch immer seltener Menschen „Süüüßer die Glocken nie klingen, als zu der Weih-hei-nachtszeit…“ höchstpersönlich singen, ausgerechnet unsere Einkaufstempel sorgen dafür, dass unser altes Weihnachtsliedgut - angereichert mit amerikanischer Weihnachtsliederzuckersauce - nicht dem Fortschritt geopfert wird. Dem Handel sei Dank, dass Weihnachten, das Fest, an dem immer weniger Christen die Geburt ihres Erlösers und Heilands feiern, nicht ausstirbt. Dem Handel sei Dank, dass wir jedes Jahr (nach meinem Gefühl gleich nach dem Sommer) daran erinnert werden, dass ein großes, Jahrtausende altes Fest ansteht, bei dem es in erster Linie darauf ankommt, unseren nahe stehenden Menschen (zur Not uns selbst) auf Teufel komm raus möglichst große Geschenke zu machen. Welche Ironie: Auch wenn die letzten Christen nur noch an Heilig Abend bei der Christmette eine (ihre?) Kirche von innen sehen, selbst wenn die letzte Kirche entwidmet (wieder verweltlicht) ist und keine Kirchenglocke mehr den ruheliebenden Stadtmenschen nervt - ohne Weihnachtsgeschäft würde unser Wirtschaftssystem (zumindest der Handel) zusammenstürzen wie ein Kartenhaus. Wenn wir jetzt in Hannover - mit oder ohne Sorge - zur Kenntnis nehmen, dass demnächst vier weitere Gotteshäuser mangels Christen ihren „Geist“ aufgeben müssen, kommt man (mal wieder) ganz schön ins Grübeln: Müsste der Handel nicht explizit daran interessiert sein, dass Christen Christen bleiben bzw. mit ihrem Kirchensteuerbeitrag dazu beitragen, dass die Kirchen und damit auch die einträgliche Weihnachtszeit erhalten bleiben? Ab 26.11.2012, 17.30 Uhr, wird Hannover mit einer (möglicherweise bundesweit, wenn nicht sogar weltweit) einzigartigen, zauberhaften, gigantischen und dennoch extrem stromsparenden Weihnachtsbeleuchtung erstrahlen. Das ließen sich der Handel und die Stadt ganz schön was kosten. Aber - Hand aufs Herz - ist das nicht ein bisschen zu kurz gedacht? Wäre es nicht sinnvoll, zusätzlich aus dem Werbeetat ein Sümmchen abzuzweigen und damit eine breit angelegte Werbekampagne zu Gunsten der Kirchen finanzieren? Im derzeitigen schier unüberschaubaren Rabattdschungel unserer Schnäppchengesellschaft könnte die frohe Botschaft „Eingetragene Kirchenmitglieder erhalten 10 % Rabatt – Beitrittsformulare liegen bereit“ möglicherweise Wunder bewirken und dem etwas angeschlagenen Ruf des Kommerzes einen gesellschaftspolitisch positiven Touch verleihen.

Ich will mal so sagen: Die Zeit lässt sich nicht anhalten. Das Abendland wird nicht daran zu Grunde gehen, dass immer mehr Kirchen stillgelegt werden. Es wird auch nicht daran zu Grunde gehen, dass immer mehr Moscheen ihre Pforten für ihre Gläubigen öffnen. Ich sehe die größere Gefahr darin, dass Menschen entweder immer „leerer“ oder immer „fundamentalistischer“ werden. Es gibt viele nachvollziehbare Gründe, aus den Kirchen auszutreten. Wer jedoch einzig und allein des Mammons wegen austritt, ist ein armseliger, egoistischer Mensch. Spätestens dann, wenn die Kirchen sich nicht nur von Kirchengebäuden trennen, sondern damit beginnen (müssen), ihre zahlreichen seelsorgerischen, diakonischen, karitativen und pädagogischen Einrichtungen zu schließen, könnte es für diesen kurz denkenden Menschen, bzw. für unsere Gesellschaft ziemlich eng, kalt und ungemütlich werden.

Ich habe noch einen weiteren Grund, warum ich dem Papst noch nicht gekündigt habe und ihm zumindest noch meinen Steueranteil zukommen lasse: Diese mir mit in die Wiege gelegte Religion gehört zu meinen Wurzeln. Sie gehört zu mir, wie mein Muttermal auf der rechten Wange, das ich nicht wegschnippeln lasse. Sie hat meine Kindheit im positiven wie im negativen („ich habe Unkeusches gedacht“) Sinne geprägt, sie hat dafür gesorgt, dass ich - bevor ich richtig Deutsch konnte - auswendig Lateinisch redete, sie hat mir ein unauslöschliches Gefühl für die Heiligkeit des Sonntag vermittelt. Mit geradezu opernhafter (große Oper!) Attitüde, mit Musik, Kostümen, Weihrauch und Kerzen hat sie es geschafft, Weihnachten und alle anderen großen Feiertage dermaßen vom Alltag abzuheben, dass man geradezu berauscht war. (Dass sie mir in meiner Jugendzeit die Chance gab, in rappelvollen Kirchen, also vor großem Publikum, aufzutreten, sei hier nur am Rande erwähnt.) Ich schätze im Sommer die angenehme Kühle der Kirchen. Wenn ich mal wieder nervös und hektisch bin, genieße ich ihre entschleunigende Wirkung und vor allem spüre ich in der kleinen einfachen Kapelle, im großen prachtvollen Dom, in der Moschee, der Synagoge genauso wie im buddhistischen, hinduistischen oder altgriechischen Tempel diese geheimnisvolle Kraft und diesen unbeschreiblichen Glauben, der Menschen, Handwerker und Künstler dazu befähigt hat, Großes, Einmaliges zu schaffen bzw. über sich hinauszuwachsen.

Etwas von dieser geheimnisvollen Kraft der Kirche(n) ist (gottseidank) auf dem Lande und besonders in unseren ehemals sozialistischen Bundesländern wieder zu spüren. Menschen, die mit Religion nichts am Hut haben, retten ihre vom Verfall bedrohten Kirchen mit der Begründung: „Bei uns geht nicht alles kaputt, unser Dorf hat noch ein Zentrum, eine Seele.“ Fragen Sie mal den hannoverschen Kirchenmann Eckart von Vietinghoff. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender der „Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland“ kann er Ihnen mehr davon erzählen.

Erwin Schütterle

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