Freundeskreis Hannover e. V.
  Freundeskreis e. V. Hannover
Herzlich Willkommen im Freundeskreis Home 28.04.2017



 

Auto-manie 01/13

Erwin Schütterle

Hannover: Grünste Stadt Deutschlands, Bundeshauptstadt der Biodiversität, wenn alles gut geht demnächst auch „Unesco city of music“, Platz vier im bundesweiten städtischen Zufriedenheitsranking, -  und jetzt das: Schlusslicht im Kinderunfallatlas - und das seit über zehn Jahren. Da kommt man mal wieder ganz schön ins Grübeln: Ist das der Preis dafür, dass unser Verkehr in Hannover verhältnismäßig gut fließt? Abgesehen von einigen nicht immer einleuchtenden Regelungen können wir uns in Hannover über die Verkehrssituation nicht beklagen: Wir haben einen dichten, gut getakteten öffentlichen Nahverkehr (und so Gott will, wird auch das Problem mit der Linie 10 irgendwann mal geklärt sein). Wir haben überdurchschnittlich viele Fußgängerzonen, Hannover ist 2010 von einer Jury zu Niedersachsens fahrradfreundlichster Kommune gewählt worden. Nur die Gruppe mit der stärksten Lobby - die Autofahrer - möchten gerne bevorzugt behandelt werden. Am Liebsten: Dauergrün und freie Fahrt. Ich gehe viel zu Fuß, fahre Fahrrad, Auto und Öffis und gestehe: Bei allen vier Fortbewegungsarten nerven mich rote Ampeln – wobei es jedoch ein gravierender Unterschied ist, ob ich im Regen als Fußgänger oder Radfahrer vor der einfach nicht grün werdenden Ampel stehe - oder in meinem trockenen Auto. Hannover hat kein Verkehrsproblem, Hannover hat ein Zeit- und ein Parkproblem. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass da ein Zusammenhang mit dem traurigen Kinderunfallrekord besteht.

Das Zeitproblem: Egal ob zu Fuß, per Rad oder mit Auto, wir halten das Anhalten nicht mehr aus. Wir sind maßlos ungeduldig und ärgern uns über eine knappe Minute Rot genauso wie wir am Computer fast durchdrehen, wenn der Seitenaufbau zu lange dauert. Schauen wir uns doch mal um: Erwachsene (Eltern?) rennen bei Rot über den Fußgängerüberweg, Radfahrer (Eltern?) fahren ohne Licht, auf der falschen Seite, in der gesperrten Fußgängerzone und bei Rot über die Kreuzung. Autofahrer (Eltern?) halten sich (auch an Schulen) nicht an die vorgeschriebenen Geschwindigkeitsbeschränkungen. Und dann ist ein neues Phänomen zu beobachten: Nicht nur jede Menge Autofahrer und Radfahrer haben ihr Handy am Ohr - immer mehr Fußgänger lesen beim Überqueren der Straße ihre neuesten SMS-Nachrichten oder Facebook-Neuigkeiten. Ich will mal so sagen: Alle Bemühungen der Stadt, die Kinderunfälle zu reduzieren, sind zum Scheitern verurteilt, wenn wir Erwachsene nicht endlich mal damit beginnen, mehr Rücksicht, mehr Verständnis und mehr Respekt für die anderen Verkehrsteilnehmer aufzubringen, Augen und Ohren im Verkehr offen zu halten und unser Alltagsleben zu entschleunigen.

Das Parkproblem: Ich meine nicht das Shopping-Parken in der Innenstadt, sondern die aufreibende, nervende Parkplatzsuche der Lister, der Lindener und der Süd- und Nordstädter. Diese Autobesitzer haben ganz andere Sorgen und ich werde in diesem Zusammenhang das Gefühl nicht los, dass sich nur die Autofahrer über die Verkehrssituation in Hannover beschweren, die zu Hause ihr Fahrgerät in einer geräumigen Garage stehen haben und an deren Arbeitsstelle in der Stadt ein reservierter Parkplatz wartet. Ich kann gut nachvollziehen, wenn ein frustrierter Parkplatzsucher sein Gefährt (verbotenerweise) an einer Straßenecke abstellt und damit die Sicht und eben die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer einschränkt. Muss sich allein die Stadt um dieses Problem kümmern? Wäre es nicht eine reizvolle und innovative Herausforderung für unseren erfolgverwöhnten Autokonzern VW, ein paar Kleinausgaben des Wolfsburger Autoturms in diesen dicht besiedelten Stadtteilen in enge Baulücken zu platzieren um so die Parkplatznot zu lindern (und gleichzeitig den regionalen Autoabsatz anzukurbeln bzw. zu halten).

Und was mir in diesem Zusammenhang noch aufgefallen ist: Immer mehr überdimensionale Autokreuzer belästigen (zumindest) den ruhenden Verkehr. Die enorm hohe Geburtenrate in der Oberklasse und der Umstand, auf unserem Weg zur Arbeit oder in den Urlaub schneebedeckte Alpenpässe überwinden oder durch sumpfiges, unwegsames Gelände fahren zu müssen, erfordert einfach große geräumige Autos bzw. eine gewisse Bodenfreiheit und auf alle Fälle einen PS-starken Allradantrieb. (Mit dem zusätzlichen Einbau von ein paar Maschinengewehren könnten die Saudis glatt auf die bestellten Radpanzer verzichten.) Ich bin sicher, dass die Besitzer und Besitzerinnen (Frauen sollen übrigens auf diese üppigen Autos besonders abfahren) neben Status- noch jede Menge andere gute Gründe für die Anschaffung dieser S(ehr)U(nübersichtlichen)V(ehikel) vorbringen können. Mich nervt nur, dass z.B. bei mir in der Lister Meile diese Riesenautos nicht in die Parklücken passen (passen schon, aber man kann nicht mehr aussteigen) und deshalb ganz einfach auf die schmale Straße gestellt werden - mit der unerfreulichen Nebenwirkung, dass die Normalos große Probleme haben, in und aus den Parklücken herauszukommen. Ach ja, sollten nicht demnächst die Knöllchenpreise erhöht werden? Wie wär’s damit, den Knöllchenpreis fürs Falschparken an der Fahrzeuggröße auszurichten bzw. von den Autos, die zum Parken eineinhalb Parkplätze benötigen, zwei Parkscheine zu verlangen?

Erwin Schütterle

‹‹‹ zurück



 

in 8 Tagen:
06.05.17, 09:30 Uhr
FREUNDE IM GESPRÄCH am 6. Mai
Das Freundeskreis-Frühstück im Paradies-Provence
mehr ›
06.06.17, 18:00 Uhr
Offene Gesellschaft unter Druck - Zweite Diskussionsveranstaltung

mehr ›
24.08.17, 18:00 Uhr
Offene Gesellschaft unter Druck - Dritte Diskussionsveranstaltung

mehr ›
19.09.17, 19:00 Uhr
Offene Gesellschaft unter Druck - Vierte Diskussionsveranstaltung

mehr ›