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Heiliger Ausverkauf 02/13

Erwin Schütterle

Alle Jahre wieder: Die Weihnachtsdekorationen sind noch nicht abgebaut. Die neue phantastische City-Weihnachtsbeleuchtung verlängert immer noch die kurzen Wintertage mit ihrem wunderbar-warm-goldigen Licht …und schon verwandelt sich unser niedersächsisches Einkaufsparadies unübersehbar in eine angelsächsische Metropole: Egal, wohin man schaut: SALE, ENJOY SALE, UP TO 70 % OFF SELECTED ITEMS, SALE/SALDI/SOLDES, WOW!SALE. Selbst vor einem SANTA SALE schrecken die Werbestrategen nicht zurück. Ich bin dann immer beruhigt, wenn ich im Laden auf Deutsch angesprochen und bedient werde. (Genauso freue ich mich, dass ich in den zahlreichen Café-Togo-Läden nicht schräg angeschaut werde, wenn ich schüchtern frage, ob ich den Kaffee auch mitnehmen kann.) Dass es immer noch auch auf Gut-Deutsch geht, beweist ein traditionelles hannoversches Bekleidungshaus, das sich Neu-Deutsch eigentlich längst EMPEROR’S oder besser KING’S COATSHOUSE nennen müsste. Allein der eindeutig deutsche Satz „Wir haben reduziert“ ist mittlerweile in der Region Hannover zu einem Markenbegriff geworden.

Die überdimensionalen vier Buchstaben werden ergänzt durch genauso große und hohe Prozente. Wenn mir jedoch z.B. Preisnachlässe „up to 70 % off“ versprochen werden, komme ich wieder mal ins Grübeln: Kann ich ruhigen Gewissens diesen extraordinären Rabatt in Anspruch nehmen, ohne mich am Niedergang des Einzelhandels mitschuldig zu machen? Oder andersherum gegrübelt: Was müssen die Händler für gigantische Handelspannen haben, wenn sie die Ware mit diesen extremen Nachlässen verschleudern? Oder weiter gefragt: Was kommt, wenn 75 % Nachlass (der bisherige Rekord) immer noch zu wenig sind? 80, 90, 100 %? Wann bekomme ich bares Geld auf die Hand, wenn ich dem Händler seine Ware abnehme? Dass diese Frage kein Hirngespinst ist, erfuhr ich bei meinem letzten Kinobesuch: In der Werbung bietet ein französischer Autobauer ein Modell für 99 Euro pro Monat an. Bei Vertragsabschluss erhält der Kunde - ich dachte, ich hör’ nicht richtig - 1000 Euro cash (bar) auf die Hand!

Manchmal frage ich mich auch, ob dem Handel und den Kunden mit der uneingeschränkten SALErei wirklich gedient ist. Erinnern Sie sich noch an den WSV und SSV, der 2004 zum letzten Mal von den Käufern noch Frühaufstehen, Sportsgeist und Schlangestehen abverlangte? Zugegeben, das Wortungetüm Winterschlussverkauf  passte nicht mehr in unsere schnelllebige Zeit (und wurde ziemlich früh zum WSV verkürzt) und die 2x12 Werktage waren für alle Beteiligten ziemlich stressig. Dafür konnte ich aber an den restlichen 340 Tagen ziemlich entspannt einkaufen. Der Händler (insbesondere der kleine) konnte vernünftig und längerfristig kalkulieren und der Kunde sich auf den Preis verlassen. Dank der freien, uneingeschränkten Marktwirtschaft dürfen wir uns aber jetzt nicht mehr nur 24 Tage im Jahr, sondern tagtäglich (5 mal sogar sonntags) über Rabatte, Prozente und Sonderschnäppchen freuen. Ganz sicher demnächst auch noch über CASHBACK - „Beim Shoppen Geld verdienen“. Wer also jetzt möglicherweise keinem Preis mehr traut und zum Einkaufen ins Internet flüchtet, kommt vom Regen in die Traufe: Die Zeit, die er für alle Preisvergleiche und fürs Studium aller Testberichte, dem Lesen einer Unmenge von (echten und unechten) Kundenbewertungen und dem Eintippen all’ seiner persönlichen Daten, seiner Bankverbindung oder seiner 16-stelligen Kreditkartennummer verplempert, würde dicke für einen höchst persönlichen, dennoch anonymen, Kauf beim Händler um die Ecke oder in der City ausreichen. Wunderbar, die bestellte Ware wird schnell geliefert - nur: Ich bin natürlich nicht zu Hause, wenn der Paketzusteller kommt und ärgere mich, dass ich auf dem weit entfernten Postamt (heißt das noch so?) nicht alleine bin: Eine Schlange Menschen mit Abholscheinen steht vor mir…

Zurück in die Stadt: Nachdem mir ein liebenswertes hannoversches Händlerurgestein, das sein Geschäft immer noch nicht in LOVE oder AMORE umbenannt hat, hoch und heilig versicherte, dass es trotz der grenzenlosen Rabattschlachten nicht verarmt sei und auch nicht verarmen wird, legte ich alle Skrupel zur Seite und kaufte mir per SALE einen Sakko. Der ursprüngliche Preis für ein schickes Einzelstück war bereits von 99,90 auf 59,90 herabgesetzt. Auf alle herabgesetzten Artikel gab es an diesem Wochenende noch einmal 20 % Zusatzrabatt. Macht 47,90 Euro. Wow!

Es soll mir recht sein, wenn die C&Ps, A&Cs, M&Hs zu dermaßen günstigen Preisen ihre Lager räumen und Platz schaffen für die neue Ware. Wenn aber ein großes Handelshaus (das immer noch wie die Pariser U-Bahn heißt) einen kompletten Anzug nicht als herabgesetztes Einzelstück, sondern als Massenware in allen Größen für 19,99 Euro im Prospekt anbietet, frage ich mich nicht mehr, auf wessen Kosten so ein Preis möglich ist. Da stelle ich schlichtweg unser derzeitiges Wirtschaftssystem in Frage.

Erwin Schütterle

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