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Ausgegrenzt 06/2013

Erwin Schütterle

Manchmal kann man seine Mitmenschen nicht verstehen. Manchmal schämt man sich für sie. Zugegeben, es war nicht die feine, bürgerfreundliche Art, wie die Stadtverwaltung z.B. den Bothfeldern verklickerte, dass in ihrem Eichenweg ein Flüchtlingsheim gebaut werden wird. Sie sollte sich deshalb nicht wundern, wenn erschreckte Immobilienbesitzer „erbitterte Gegenwehr“ ankündigen. Trotzdem: Das Argument, durch die Nachbarschaft eines Flüchtlingsheims würde ein „massiver Wertverlust“ des Grundstücks entstehen, ist schlichtweg menschenunwürdig. Obwohl mir durchaus bewusst ist, dass in unserer Werteskala mittlerweile der Besitz, das Haben, an oberster Stelle steht, werde ich den Verdacht nicht los, dass da offenbar andere Gründe im Spiel sind: Ist es neben dem Frust über das unsensible Vorgehen der Stadt womöglich die Angst vor dem Fremden, dem Anderen, dem Nichtnormalen? Zum Glück gibt es aber in dieser Stadt auch zahlreiche Menschen, deren Weltbild nicht am eigenen Gartenzaun endet. Es gibt eine Onlinepetition (www.openpetition.de „Bothfeld“), die die Flüchtlinge willkommen heißt. Es gibt Nachbarschaftsräte und in Kirchrode und Oberricklingen Initiativen, die sogar einen Verein gegründet haben und sich unter diesem Dach selbstlos und einfühlsam für die menschenwürdige Unterbringung der Heimatlosen einsetzen. Diesen engagierten Menschen gilt mein großer Respekt und mein großer Dank.

Diese guten Beispielen lassen mich hoffen, dass wir auch mit der sogenannten „Integration“ entkrampfter, offener und realistischer umgehen könnten. Denn nach wie vor habe ich das Gefühl, dass mit Integration die inländische Seite etwas anderes meint als die ausländische Seite. Meines Erachtens gibt es nichts zu integrieren, es geht einzig und allein darum, dass Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - ihre angestammte Heimat verlassen (mussten), in einem anderen Land (über)leben wollen. Ein erwachsener Russe, Türke, Spanier, Japaner, Afrikaner oder Araber wird den Rest seines Lebens lang ein Russe, Türke usw. bleiben - mit all seinen Eigenarten, seiner Kultur, seiner Lebensweise. In allen Völkern der Welt - auch bei uns - gibt es Dumme und Kluge, Blöde und Liebenswerte, Sprachbegabte und Sprachunbegabte, Gesetzlose und Gesetzestreue, Religiöse und Freisinnige, Offene und Verschlossene, Faule und Fleißige. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass das aufnehmende Land von seinen zugereisten Mitbürgern erwartet, dass sie sich an die jeweiligen Landesgesetze halten und die vorgefundene Lebensweise und Kultur nicht annehmen, sondern respektieren. Auf der anderen Seite sollten die Migranten erwarten können, dass die Einheimischen die mitgebrachte Kultur und Lebensweise ihrer neuen Bürger ebenfalls respektieren.

Zu einer erfolgreichen Integration gehören immer zwei Seiten, die auf einander zugehen und solo oder gemeinsam Initiativen ergreifen. Sie ist und bleibt eine Einbahnstraße, wenn eine Seite nur gibt und die andere nur nimmt. Wenn wir den Migranten unsere Lebensart erklären, sollten dann im Gegenzug die Migranten nicht die Chance haben, uns (zumindest unseren unverklemmt Weltoffenen) ihre Lebensart näher zu bringen? Ein Beispiel: Wenn ich ab und an bei Radio leinehertz in Sendungen für Türken, Russen oder Serben reinhöre, fühle ich mich ausgegrenzt. Einerseits höre ich mit großer Freude und großem Interesse die ungewohnte Musik, andererseits nervt es mich, dass ich nicht verstehe, was da gesagt und gesprochen wird, weil der deutsch gesprochene Anteil manchmal ziemlich knapp ist. Ich würde mich freuen, wenn ich über das Medium Rundfunk die Möglichkeit hätte, die spürbaren Freuden, die Sorgen und die Denkweisen meiner ausländischen Mitbürger besser verstehen zu können. Warum sprechen die nicht durchgängig deutsch – gerne mit ihrem schönen Akzent, der unser steifes Hochdeutsch um eine weitere Farbe bereichert? Das könnte dazu führen, mögliche Vorurteile abzubauen sowie Respekt, Offenheit und Interesse zu fördern. Mit der Zeit passiert dann - egal ob mit oder ohne Assimilation - das Natürlichste auf der Welt: Die Menschen, die Kulturen, die Lebensweisen vermischen sich, bereichern sich gegenseitig und spätestens in der dritten Generation erinnert höchstens noch der Name an die Herkunft. (Ich weiß wovon ich rede, ich habe nach dem Krieg in meinem Heimatdorf die alles andere als problemlose Integration der Ost-Flüchtlinge hautnah miterlebt.)

Der Schlüssel lag und liegt bei den Kindern. Da darf es erst recht keine Ausgrenzung geben, denn sie sind - wenn sie nicht beeinflusst werden - Integrations-Naturtalente. Wenn die zugezogenen Eltern nicht vehement dafür sorgen, dass ihr Nachwuchs die Chance ergreift, zweisprachig aufzuwachsen, versündigen sie sich unverzeihlich an der Zukunft ihrer Kinder und der Zukunft der Gesellschaft. (Was hätten meine vier sizilianischen Neffen für Möglichkeiten, wenn sie auch deutsch könnten!) Und die einheimischen Eltern müssen zulassen, dass ihre Kinder mit den (oft isolierten) Migrantenkindern Kontakt aufnehmen und sich austauschen (können).

Fazit: Reden wir nicht mehr von Integration, wenn wir damit die Erwartung verknüpfen, dass alle Menschen so sein sollen, wie wir. Lasst es uns lieber schwerer machen und versuchen wir, auf Einheimische wie auf Fremde unvoreingenommen zuzugehen oder stellen wir uns einmal vor, wie langweilig unser Dasein wäre, wenn wir nur unter unseresgleichen leben würden oder noch schlimmer:
wir, wie gehabt bzw. aus welchen Gründen auch immer, ausreisen, flüchten und hoffen müssten, dass ein anderes Land uns aufnimmt und uns anständig behandelt. Vergeben wir keine Integrationspreise mehr, sondern Kultur-, Dank-, Bürger-, Kommunikations- und Förderpreise. Und zwar für beide Seiten. Und sprechen wir erst recht nicht mehr von Toleranz. Toleranz ist in diesem Zusammenhang letztendlich doch nichts anderes als Gleichgültigkeit. Oder wie Goethe schrieb: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Erwin Schütterle

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