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Ade, R.W! 10/2013

Erwin SchütterleGute Kritiker erkennt man daran, dass ihre Worte geliebt oder gehasst werden. Insofern freuen sich jetzt möglicherweise einige Kulturgeber und Kulturnehmer unserer mit Kultur reichlich gesegneten Stadt Hannover, dass der unausweichliche Schritt ins Rentenalter die kritische Stimme von Rainer Wagner (zumindest) in der HAZ zum Schweigen brachte. Andere werden diese geistreiche, dennoch gut lesbare und unverwechselbare Stimme hingegen vermissen, denn sie war stets fair und aufrichtig und (je nach dem) angereichert mit feiner Ironie, geistreichem Humor, enormer Fachkenntnis und reichlich Erfahrung. Dazu zwischen den Zeilen noch mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein gewürzt und einem Hauch Eitelkeit verziert. Auch einige (mittlerweile leicht ergraute) Gastronomen werden jetzt möglicherweise zur Feier des Tages eine Schampusflasche öffnen und endlich die (mittlerweile etwas verblassten) Fotos von Rainer Wagner im „Backstagebereich“ ihres Lokals entfernen. Diese „Steckbriefe“ sollten seinerzeit, als er in der HAZ wöchentlich Köche und Kellner (auch die weibliche Variante) genussvoll „aufgabelte“, „in die Pfanne haute“ oder „über den grünen Klee“ lobte, vor seiner gefürchteten guten, gelegentlich aber auch sehr scharfen Zunge warnen. So ganz nebenbei sorgte diese indirekte „Wirtschaftshilfe“ aber auch dafür, dass Chef und Personal nie zu Schludern begannen. Ich gebe zu, dass ich in Sachen Oper und Konzert nicht immer Wagners Meinung war, bei den Gastrokritiken waren wir, soweit ich finanziell mithalten konnte, jedoch stets unisono.

Unabhängig davon zähle ich zu den Lesern, denen seine süffisanten Aus- und Einlassungen (auch die in Klammern) zur heimischen und gelegentlich auch auswärtigen Kultur-, Gast- und Weinwirtschaft sehr fehlen werden. Ich werde seine knackigen, vielsagenden Überschriften wie „Mord im Staatszirkus“ oder „Requiem für einen Steinbutt“ vermissen. Ein weiterer Grund warum ich die großen Rainer-Wagner-Artikel und die kleinen R.W.-Artikelchen vermissen werde ist die zwiespältige Erkenntnis, dass die Zeit nicht stehen bleibt und Veränderungen notwendig sind – wir aber trotzdem am Vertrauten, am Bekannten, Liebgewonnen hängen und wir echten Hannoveraner uns zunächst mal mit Veränderungen und Neuerungen etwas schwer tun. In diesem Zusammenhang hat mir Rainer Wagner bestätigt, dass der (Lebens)Weg nicht immer nur geradeaus und immer nur aufwärts gehen muss, sondern man(n und frau) auch mit einem Schritt zurück, einem Umweg oder einem ganz neuen Weg ans Ziel kommen und zufrieden sein kann. Wenn die Umstände, z.B. in Form von einem menschlich anständigen Arbeitgeber, stimmen – dann sogar artgerechter. Mir hat jedenfalls damals sehr imponiert, wie Rainer Wagner (wie ich mit klappriger Schreibmaschine und Bleisatz groß geworden) beim Beginn des digitalen Zeitalters erhobenen Hauptes vom Ressortleiter Kultur zum „einfachen“ Musik- und Theaterkritiker umsattelte.

Spätestens an dieser Stelle lässt es sich nicht mehr verheimlichen, dass Rainer Wagner für mich seit unserem ersten (weinreichen) Zusammentreffen 1979 im Foyer des Opernhauses nicht nur ein immer vertrauterer persönlich nahestehender Zeitgenosse, sondern ein vertrautes menschliches „Stück“ Hannover wurde. Ich habe in meinen bisherigen 39 Hannoverjahren u.a. jede Menge Minister- und Musikhochschulpräsidenten, Opern- und Schauspielintendanten und auch einige HAZ-Chefredakteure erlebt – aber 35 Jahre lang den selben Feuilletonisten. (Da muss sich selbst unser OB Schmalstieg mit seinen 34 Amtsjahren geschlagen geben.) Und so wie Rainer Wagner im Kern immer ein Franke blieb und ich ein badischer Schwabe, so haben wir beide unseren Teil dazu beigetragen, das Bild des typischen Hannoveraners mitzuprägen: Leben, Genießen, andere Menschen zum Leben und Genießen anregen, seine Arbeit einfach gut machen und nicht dauernd davon reden, dass man gut ist. „Es gibt ein Leben jenseits von Walhall“, schrieb Rainer Wagner zum 200. Geburtstag seines komponierenden Namensvetters Richard. Ich seh’ das auch so. Wir beide ziehen uns etwas zurück, HAZ, KANAPEE und FREUNDESKREIS leben fröhlich weiter und gute junge Leute freuen sich, endlich richtig loslegen zu können.

Nach diesem Outing kann ich mir abschließend erlauben, allen Menschen, die glauben, dass ihnen Rainer Wagner zu sehr oder absolut zu Unrecht „auf die Füße“ getreten ist oder mit seiner öffentlich verbreiteten (Privat)Meinung total daneben lag, versichern, dass auch er kein unfehlbarer Mensch ist. Er war sich aber 35 Jahre lang seiner Verantwortung als kritischer, unabhängiger Journalist und dem Gewicht seiner Stimme bewusst und polterte nie, wie es mittlerweile im Theater, in der Politik, bei den Medien immer beliebter wird, des bloßen Effektes wegen los. Kein vernünftiger Mensch schreibt gerne einen „Verriss“, es sei denn, offensichtliche und nachvollziehbare Gründe machen ihn notwendig. Nicht nur Oper, Konzert und elitäre Festspiele waren sein Metier. Ich weiß, dass ihm kein Haus und kein Künstler zu klein waren, um sie nicht - wenn die Zeit dafür reif war - mit einem persönlichen Bericht zu „adeln“. Gottseidank sind sowohl beim Theater wie auch beim Essen die Geschmäcker verschieden. Nehmen wir eine „schlechte“ Kritik einfach zum Anlass, unsere eigene „gute“ Urteilsfähigkeit zu behalten und auszubauen. Mir hat dabei der Bildhauer Rodin geholfen. Sinngemäß sagte er: „Wahre Kritik erkennst du daran, wenn sie dich in deinen eigenen Zweifeln bestätigt.“ Keine Frage: Gute, fundierte Kritik fördert die Qualität und den Wettbewerb, bestenfalls fordert oder verteidigt sie aber auch (vom Volk noch) ungeliebte Horizonterweiterungen. Insofern hat die Kulturszene Hannovers Rainer Wagner viel zu verdanken. Übrigens: Sein letzter Satz in seiner letzten Opern-Rezension lautet: „Wer Verdis ‚Maskenball’ nicht als Aufforderung zum Tanz versteht, der hat kein Herz und kein Ohr für die Oper.“ Ein schöner, passender Schluss. Punkt.

Erwin Schütterle

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