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Discoseum 01/2014

Erwin SchütterleWaren Sie schon mal im Casa? Im Casa Blanca, der kleinsten Disco Deutschlands, in der „Krawatten verboten“ aber „Zungenküsse erlaubt“ sind und die man im Bademantel aber nicht mit Jogginganzug betreten darf. Ich war da, gestern so ab 23 Uhr, das erste Mal, und ich sage Ihnen: Das ist eine zwar aussterbende aber gleichzeitig auch eine über- und unterirdische Welt, die man unter Denkmalschutz stellen müsste. Es erinnerte mich spontan an das Hamburger Hansa-Theater, das in den 60-er Jahren irgendwie stehen geblieben ist und danach mit seinem nostalgischen Äußeren mehr Freude machte als mit seinem Varieté-Programm. Zurück zum Casa in Hannover: Alle Wände vom Boden bis zur Decke sind tapeziert mit Vergangenheit, sind vollgeklebt mit Fotos, Zeitungsausschnitten über VIP-Gäste (mehrfach: Prinz Ernst August mit Caroline), stilblütigen Bodo-Sprüchen („Trinken hilft“), Presse-Lobliedern und reichlich Anekdoten aus dieser 35 Jahre alten Disco am Weißekreuzplatz. Kurzum: Alles Ikonen einer glorreichen, jetzt sich im Verschwinden befindenden Zeit(erscheinung) und Lebensart. Einer Zeit, in der auch in Hannover in manchen Nächten intensiver als am Tag gelebt wurde, Schampus das Standardgetränk war, echte Promis und Pseudopromis sich noch unters Volk mischten und Messen noch Betriebsausflüge und kein knallhartes Business waren.

Nie mehr als zwei Meter von der Tür (mit Gucktürchen) entfernt tänzelt Hausherr Bodo Linnemann (Markenzeichen: sockenlos) in Personalunion als charmanter Gastgeber, gewissenhafter Türsteher, Stadtunikum und Alltagsphilosoph aufgeregt hin und her, schwärmt dauernd von alten Zeiten, flüstert dir schnell einen eindeutigen Witz ins Ohr, raucht abwechselnd Zigarre und Zigarette ("ich muss was in der Hand haben, ich kann doch nicht dauernd meinen ...") und entschuldigt sich immer wieder, dass der Laden noch nicht „brummt“. Halb-, Viertel-, Scheinweltmenschen, durchsetzt mit ein paar verirrten Normalos (bin ich das bzw. wer ist das schon?), alle zwischen 18 und (dank Bodo und mir:) 70, trudeln peu à peu ein. Ausnahmslos jeder Gast wird von Bodo mit einer individuellen, passgenauen Ansprache begrüßt und/oder geküsst. Die Gäste: Nicht durchgehend geschmackvoll aufgetakelte, dafür aber unverklemmte Mädels von heute und gestern (aber unten ohne Ausnahme auf High Heels stehend), sich dauernd wiederholende Wichtigtuer, die „den toleranten, verständnisvollen Josef mehr bewundern als die fremdgegangene Maria“, markante Schweiger, die stundenlang statuenhaft an der Bar stehen oder sitzen, und dann... kommen sie doch noch, die Nachschwärmer, Heimatlosen, Beziehungswaisen, Selbstdarsteller, die stadtbekannten und die anonymen Schaumschläger, die sich, den Begrüßungsküsschen nach zu urteilen, alle kennen. Pärchen bleiben nicht lange Pärchen – und  überhaupt: wer gehört da eigentlich zu wem? Wenn es nicht eine Klasse für sich wäre, könnte man diesen Menschenmix glatt eine klassenlose Gesellschaft nennen, die man heute kaum noch, allerhöchstens in versteckten, echten Kneipen vorfindet. Fast wie von Geisterhand ist in dem kleinen Laden plötzlich ein Gedränge und ein irres Stimmengewirr. Ist es die Masse, die entsteifende Wirkung des Alkohols oder einfach Lebensfreude, die das Casa jetzt zur Höchstform auflaufen und zu einem im Stadtleben selten anzutreffenden Hort der Ungezwungenheit und Fröhlichkeit mutieren lässt?

Unaufgesetzt freundliche, versierte Servicemitarbeiter behalten nonchalant den Überblick und servieren: Keinen Champagner, dafür Cola mit Nochwas, Gin-Tonic, Bier, keinen Rotwein, stattdessen weißen Veltliner. Freiwillig und unfreiwillig darf in diesem immer antiker aussehenden „Weißen Haus“ noch reichlich geraucht werden. Der Umsonstraucher freut sich, wenn Bodo immer wieder kurz vors Haus geht und dabei lungenfreundlicherweise die Tür offen lässt. Was macht Bodo vor der Tür? Wie ein Seemann, der nach „Land in Sicht“ Ausschau hält, sucht Bodo nach neuen Gästen, die sich noch am Hauptbahnhof oder vielleicht schon am Pavillon befinden. Im vorderen Barbereich, wo die „alten Säcke“ sich unterhalten, hört man in angenehmer Lautstärke Musik (gefühlsmäßig) aus den 70er bis 90er Jahren - im hinteren Tanzbereich für die „Kids“ ist sie entsprechend lauter. Ich „alter Esel“ hätte Lust zu tanzen, allein, es tanzt niemand. Wissen Sie was? Ich geh da wieder mal hin - und …im Fall des Falles setze ich mich dafür ein, dass diese die Moderne und den Zeitgeist total ignorierende urhannoversche Originalität nicht zum Weltkulturerde, dafür zu einem "lebendigen" Zeitgeistmuseum umgewidmet wird. Gerne mit Eintritt - aber nur mit Bodo als Museumswärter!

Erwin Schütterle

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