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Kopflos 2/2014

Erwin Schütterle

Man kann der Geschichte nicht entgehen: Weltweit wird in diesem Jahr an den Ausbruch des ersten Weltkrieges vor 100 Jahren erinnert und Hannover blickt weitere 200 Jahre zurück und gedenkt und feiert den Beginn der 123 Jahre andauernden königlichen Personalunion zwischen dem Kurfürstentum Hannover und dem Königreich Großbritannien  ...und muss sich darüber hinaus mit einer problematischen Hinterlassenschaft des 2. Weltkrieges auseinandersetzen. Es geht um Hinrich Wilhelm Kopf, den ersten Niedersächsischen „Landesvater“, der auf der einen Seite unbestreitbare Meriten für den Wiederaufbau des Landes erworben hat und andererseits im Nazi-Reich seinen Lebensunterhalt unbestritten mit nicht ganz „sauberen Geschäften“ im Zusammenhang mit jüdischem Vermögen verdient hat.

Über diese beiden Sachverhalte, die im bundesrepublikanischen Alltag beileibe kein Einzelfall sind, kann man trefflich streiten. Ich finde es gut und wichtig, dass wir dies in Hannover ernsthaft und unverkrampft tun. Auch hätte ich absolut nichts dagegen, wenn Straßen und Plätze, die den Namen Hinrich Wilhelm Kopf tragen, umbenannt werden. Ich könnte aber auch damit leben, wenn sie lediglich mit einem erläuternden „Warnhinweis“ versehen werden. Denn wenn wir erstmal damit anfangen, alle Straßennamen, die nach Menschen benannt wurden, kritisch zu hinterfragen, würde daraus womöglich ein Konjunkturprogramm für Schildermacher, Historiker und Briefbogendrucker entstehen. Kindern hingegen würde ich ungern zumuten, weiterhin in eine HWK-Schule (Hinrich-Wilhelm-Kopf-Schule) zu gehen. Dafür sind die Gräuel des Nazireiches, insbesondere gegen die Juden, einfach zu unvergleichlich menschenverachtend um nicht jedem, der dabei mittel- oder unmittelbar mitgewirkt hat, jegliche Vorbildfunktion abzusprechen. Es ist ein absolutes Recht der Kinder, Fragen zu stellen und darauf eindeutige Antworten zu bekommen. Keine Frage, man kann Kindern durchaus klar machen, dass man „kopflos“ sich in eine schmutzige Sache verrennen, sich irren, sich von raffinierten Verführern mitreißen lassen kann. Man muss ihnen aber auch klar machen, dass man eine mögliche Schuld oder Verstrickung sühnen kann, indem man seine Untaten, seine Verfehlungen oder Dummheiten zugibt und bereut. Diesbezüglich ist Herr Kopf nun mal alles andere als ein Vorbild und in Bezug auf Vertuschen und Verdrängen in bester Gesellschaft mit manch lebenden Zeitgenossen.

Ich bin Jahrgang 1944 und habe in meiner Kinder- und Jugendzeit hautnah miterlebt, wie nach dem Krieg die Nazi-Vergangenheit nicht aufgearbeitet, sondern - mit wenigen Ausnahmen - systematisch totgeschwiegen oder, viel schlimmer, streckenweise immer noch hofiert wurde. (Im Zusammenhang mit der Affäre um den Weihbischof Defregger, der an der Erschießung von Zivilisten beteiligt war, habe ich mich in meinem allerersten Leserbrief meines Lebens dagegen gewehrt, die Taten unserer „tapferen Soldaten“ zu würdigen. Ich schrieb, dass mich eher interessieren würde, warum Millionen von Soldaten - inklusive meinem Vater - sich für eine wahnwitzige Idee missbrauchen und töten ließen. Dafür bin ich seinerzeit öffentlich und privat übelst beschimpft worden.) Nach dem fürchterlichen Krieg ging es einzig und allein um Wiederaufbau und Wohlstand. So wie heute Gier und Eitelkeit angesehene Menschen „kopflos“ machen, so wurde damals mit der DeMark-Scheuklappe jede kritische Frage im Keime erstickt und in Verbindung mit der unreflektierten Vergangenheit kam es dazu, dass so manch kleiner oder großer Nazi, Mitläufer oder Überzeugungstäter, zusammen mit Nichtnazis, unbehelligt, fleißig, erfolgreich und in vielen Fällen auch gesellschaftlich relevant, Geschäfte, Karriere oder beides zusammen machen und Deutschland unglaublich schnell wie Phoenix aus der Nazi-Asche wiederauferstehen konnte. Wenn ich meinen Besuchern im Neuen Rathaus das Schaubild des zerstörten Hannovers zeige, rede ich immer voller Respekt und Hochachtung von dem Willen, dem Mut und der unglaublichen Zuversicht dieser Menschen.

Wer sich jedoch selbstkritisch mit seinem Tun und Lassen während der Nazizeit auseinandergesetzt hat, hatte es ungleich schwerer. Ich sehe wenig Chancen, dass zum Beispiel der Bibliothekar, Autor und Dozent Hannsferdinand Döbler, der sich von 1974 bis 1984 als Leiter der Abteilung „Kulturelle Bildung“ an der Volkshochschule Hannover über Wasser hielt und 2004 hier in Hannover verstorben ist, die Ehre einer nach ihm benannten Straße erhält. Nicht wegen seiner 12-bändigen „Kultur- und Sittengeschichte der Welt“, sondern wegen seiner Romantriologie „gez(eichnet) Coriolan“, „Kein Alibi“, „Nie wieder Hölderlin“. In diesen Büchern hat dieser ehemalige Wehrmachtsoffizier sich schonungslos zu seiner Mitschuld bekennt. So wie ich ihn kennenlernen durfte, wäre er schon zufrieden, wenn „Kein Alibi“ als Pflichtlektüre in den Schulen eingeführt würde.

Was mich betrifft, habe ich in Sachen Straßenbenennung gut lachen. Wer der Meinung ist, dass meine Verdienste nicht ausreichen und meint, es wäre zudem weit übertrieben, bereits zu Lebzeiten eine Straße nach mir zu benennen, den kann ich beruhigen: Die „Erwinstraße“ im Hindenburgviertel ist ursprünglich nach dem „Meister Erwin von Steinbach“ (1244-1318), dem Erbauer des Straßburger Münsters, benannt.

Erwin Schütterle

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