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Maßvoll 11/2014

Erwin SchütterleMan sagt: Reisen bildet. Ich will mal so sagen: Es relativiert zumindest. Als ich beispielsweise am zweiten Oktoberwochenende auf der Reise in meine süddeutsche Ur-Heimat auf dem (noch oberirdischen) Stuttgarter Hauptbahnhof so um die Mittagszeit umsteigen musste, hatte ich ein geradezu unterirdisches Erlebnis: Im prall gefüllten Bahnhof der Schwabenmetropole rannte bestimmt die Hälfte aller männlichen Passanten in Karohemden und kurzen oder dreiviertellangen Lederhosen herum. Dazu gehörten natürlich auch urige Hosenträger. (Ganz coole Typen trugen die Hosenträger herabgelassen. Das ist offenbar modisch der letzte Schrei, aus meiner Sicht, als bekennender Hosenträgerträger, aber absolut sinnlos.) Die Hälfte aller weiblichen Passanten trug Dirndl in allen Farben, Längen und modischen Abwandlungen oder ebenfalls kurze und knappe Ledershorts. Immer wieder wurden ganze Zugladungen dieser lärmenden, grölenden Menschenmassen angeschwemmt. Die Dirndls glühten sich mit Rotkäppchensekt vor, während die Lederhosen sich mit Bier aus mitgeschleppten Sixpacks oder Bierkisten offenbar auf den Cannstatter Wasen (4 Millionen Besucher) stil-voll vorbereiteten. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich habe absolut nichts gegen Lederhosen und Dirndls und bin auch ziemlich sicher, dass es für eingefleischte Veganer längst täuschend ähnliche Lederimitate gibt. Mich wundert nur, dass Massen von (überwiegend jungen) Menschen, die gegen Volksmusik und Volkstrachten ansonsten gehörig vom Leder ziehen, drei Wochen im Jahr wie die Lemminge einem Trend hinterher rennen. Der einzige Lichtblick waren die „offenherzigen Spitzenblusen“ (Originalzitat: Schwäbische Zeitung) und die unübersehbare und je nach Weltanschauung erfreuliche oder befremdliche Tatsache, dass immer mehr Deutsche unübersehbar mit dunkler Hautfarbe gesegnet sind.

Und wissen Sie was? Ich selbst war in diesem Moment kein Süddeutscher mehr, sondern ein waschechter Hannoveraner. Ich will jetzt nicht den Moralapostel spielen und lamentieren, dass Teile der Welt in Flammen stehen und in Afrika Ebola grassiert, während Deutschland sich in Lederhosen, Dirndl und riesigen Bierzelten, Bahnhöfen und Zügen volllaufen lässt. Lasst uns jetzt nicht verallgemeinern und nicht verrückt machen. Lasst uns feiern und das Leben genießen. Nur: Muss das so maßlos, so dum(m)pf, so herdenartig, so uniform, so modisch und so alkoholisch ablaufen?

Kurzum: Ich bin stolz darauf, dass wir hier in Hannover auch feiern können – aber irgendwie maßvoll und nicht ausschließlich mit vollen Maßen. Ich denke an unser ebenfalls gut besuchtes fröhliches Maschseefest und erinnere an unsere überwältigende Feier am „Tag der deutschen Einheit“. Bereits am Nachmittag war im (verhältnismäßig kleinen aber brechendvollen) Bayernzelt am Maschsee eine Mordsgaudi und Superstimmung mit fetziger Blasmusik  -  auch ohne Lederhosen und Dirndl und ohne überdurchschnittlichen oder aus- und auffallenden Alkoholpegel. Ich gestehe bei dieser Gelegenheit, dass sich bei mir beim Anblick von „gut geladenen“ Schützen auf unserem Schützenfest bislang ebenfalls beklemmende Gefühle einstellten. Nach dem Stuttgarter Erlebnis sind mir die traditionellen Schützenröcke jedoch irgendwie sympathischer als die modischen Trachtenimitate. Erst wenn das Schützenfest es schaffen sollte, dass die Mehrzahl der Besucher in grüner Schützentracht am Hauptbahnhof und auf dem Schützenplatz auftaucht, werde ich menschliche Verhaltensweisen neu überdenken.

Zu Hause angekommen lese ich in der Zeitung, dass ein offenbar total genervter Stuttgarter Bahnbediensteter die „Normalreisenden“ auf den Bahnsteig-Anzeigetafeln vor „verhaltensgestörten Personen“ warnte  ….und dass auf dem Hannoverschen Oktoberfest (laut Wikipedia „mit rund einer Million Besuchern, nach dem Original in München, das zweitgrößte Oktoberfest in Deutschland“) immer mehr karierte Hemden, Lederhosen und Dirndl auftauchen…

Erwin Schütterle

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