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Schnee von heute 12/2014

Erwin SchütterleIch kann mich nicht beklagen. In meinen siebzig Lebensjahren (davon vierzig in Hannover) erlebte ich jede Menge musikalischer Sternstunden. Aber keine davon hat mich so tief berührt, so sehr ergriffen und so nachhaltig beeindruckt wie Schuberts Winterreise am 19. Oktober 2014. An diesem wunderbar-warmen Herbsttag kam ich in der Marktkirche nicht mehr aus der Gänsehaut heraus   … und mal wieder ganz schön ins Grübeln.

Der Reihe nach: Schuberts Winterreise. Bislang hat mich diese schwarz glänzende musikalische Perle aus dem Jahre 1827 (Todesjahr des Dichters Wilhelm Müller und ein Jahr vor Schuberts Tod) zwar immer berührt – aber nie so ganz richtig gepackt. Die Musik „zum Weinen schön“, die Texte „brillant“, aber irgendwie zu romantisch, zu gefühlvoll und irgendwie nicht mehr so richtig in die Jetztzeit passend. Schnee von gestern. Dazu trug auch die Vortragsweise bei: der Sänger (im Frack oder Smoking) steht betreten, mit ernster Mine und unbeweglich neben dem Flügel. Und alles geht so schnell. Du hast die depressiven Gedanken des einen Liedes noch nicht richtig verdaut, schon folgt die nächste Hoffnungslosigkeit. Ganz anders in der Marktkirche: zwei Sänger, eine Sängerin, ein Chor, begleitet von Flügel und/oder Orgel, stehen auf keiner Bühne, nicht vor dem Altar, nie neben dem Flügel. Sie stehen oder sitzen mitten in der Marktkirche, inmitten der 450 Besucher und tigern, wenn das Lied es erfordert, wie getrieben durch die Reihen. Sie singen allein, im Duo, als Terzett oder mit dem Chor. Das ganz Besondere: Der Pianist oder Organist spielt die ersten, meist pochenden und den jeweiligen Charakter des Liedes vorab ausdrückenden Takte eines Liedes an, improvisiert die Harmonien leise weiter, währenddessen eine Schauspielerin und ein Schauspieler Müllers alte Gedichte mit Erlebnissen, Worten und Erinnerungen hannoverscher Obdachloser im wahrsten Sinne des Wortes „verstärken“. Dadurch, dass diese realen Lebensberichte zwischen den Liedern und auch zwischen den Strophen vorgetragen werden, wird diese Winterreise so unmittelbar und so unausweichlich mit der Gegenwart, mit unserem Leben in Hannover, mit Schicksalen vor unserer Haustür verknüpft, dass einem der Atem stockt. Kein Crossover, keine zeitgemäße Bearbeitung hätte es geschafft, diesen 187 Jahre alten Schnee von gestern in einen Schnee von heute zu verwandeln. Dem von der Liebe und der Welt verlassenen Wanderer ging es nicht anders als es heute Menschen geht, die auf der Straße, im Mecki-Kontaktladen, im Treffpunkt „Dach über dem Kopf“ oder als Asphalt-Verkäufer versuchen über die Runden zu kommen und nicht ganz zu verzweifeln. Wenn Schuberts Straßenmusiker im letzten Lied monoton herunterleiert, dass sich niemand für ihn interessiert, dass ihn nur die Hunde anknurren, kommt bereits pure Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck. Wenn aber danach ein lebender hannoverscher Mitbürger zitiert wird mit den Sätzen: „Ich kann nicht sagen, ob ich diesen Weg selbst gewählt habe. Wenn, geschah es unbewusst. Wer ist schuld? Mein Leben habe ich schlecht geplant. Meine größte Angst ist, dass meine Familie erfährt, was mit mir passiert ist. Aber ich habe gelernt, alleine zu sein. Es heißt immer, die Hoffnung stirbt zuletzt. Das ist falsch, die ist tot und ich bin noch da.“ – dann…

…dann können Sie in etwa nachvollziehen, wie es mir und den 450 Konzertbesuchern an diesem Abend erging und dann können Sie bestimmt auch verstehen, dass mir danach so einige Fragen durch den Kopf gingen: Wenn es einem Künstler (in diesem Falle ist es Stefan Weiller, der für Konzept, Text, musikalische Bearbeitung und Regie verantwortlich zeichnet) gelingt, die alte Musik Franz Schuberts und die alten Gedichte Wilhelm Müllers nahtlos mit der Gegenwart zu verknüpfen, ist das dann nicht mehr als Kultur? Ist das nicht Hochkultur? Warum ließen sich die vielen mir bekannten Hochkulturgenießer dieses hochkarätige Erlebnis entgehen? Befürchteten sie, dass möglicherweise ein Obdachloser neben ihnen sitzt? Braucht die Hochkultur den abgeschotteten Hochkulturrahmen, den Abstand zur Realität? Ist ein Konzert, für das kein Eintritt, sondern „nur“ eine nach oben hin unbegrenzte Spende erwartet wird, per se weniger wertvoll als Konzerte, für die 80 – 120 Euro verlangt werden? Wo waren die Hochkulturfeuilletonisten unserer Tageszeitungen? Alles nur Fragen, keine Vorwürfe. Wir wissen alle, das Kulturangebot ist in Hannover riesig. Zeitungen und Menschen müssen eine Auswahl treffen. Ich gestehe, auch ich bin an diesem warmen Herbst-Abend eher zufällig in der Marktkirche gelandet. Jetzt bin ich glücklich, dass ich diese hannoversche Musik-Sternstunde erleben   … und Ihnen davon berichten durfte.

Erwin Schütterle
www.natuerlichhannover.de

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