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Randgruppenbelustigung 05/2015

Zehn Jahre alt ist unser Stadtkind und zehn Jahre lang amüsieren wir uns über die obligatorische „randgruppenbeleidigung“. Höchste Zeit also, einmal eine Lanze für die mit Spott und Häme verfolgten Minderheiten zu brechen und ihre Daseinsberechtigung zu würdigen. Wo fangen wir an? Im Berggarten in Herrenhausen: Als ich da kürzlich an der martialisch abgesperrten Lindenallee vorbeispazierte, hörte ich ein leises, aber trotzdem vernehmbares „juchzee, juchzee, juchzee…“. Ich ging dem Geräusch auf den Grund und entdeckte eine große Ansammlung von Juchtenkäfern. (Ein Juchtenkäferkenner klärte mich auf: In Herrenhausen lebt möglicherweise Deutschlands größte Kolonie dieser Käfer-Urgesteine und „juchzee“ – ausgesprochen „schatzi“ – ist das einzige Wort in der Juchtensprache.) Offenbar waren diese ansonsten scheuen und vom Aussterben bedrohten Insekten (amtlich: Osmoderma eremita) immer noch ganz berauscht von ihrem Erfolg, nach jahrelangem Kampf gegen Gartendesigner, Fortschrittsfanatiker, Umweltverschmutzer und Umweltignoranten, die sie allzu gerne in die Ungezieferschublade stecken würden, nicht gewaltsam umziehen zu müssen, sondern weiterhin in ihren morschen aber extrem vertrauten Baumhöhlen wohnen bleiben zu können. Ihre weitaus berühmteren Verwandten in Stuttgart, die den Bau der Bahnhofs-Utopie „Stuttgart 21“ immer noch massivst behindern und verzögern, schauen voller Neid nach Hannover. Sie fragen sich, wie die Herrenhäusler es wohl geschafft haben, dass die Stadt ein so großzügiges Herz für Juchtenkäfer zeigt und für stolze 350.000 Euro jeden einzelnen Baum mit einem Stahlpfahl abstützt und damit das Bleiberecht der Juchtenkäfer …und, sozusagen als Kollateralnutzen, auch das Bleiberecht der 280 Jahre alten Linden absichert. Zugegeben: Die Zwangsumsiedlung des Juchtenkäfers wäre mit erheblich höheren Kosten verbunden gewesen und eine mit dem Gütesigel „Bundeshauptstadt der Biodiversität“ ausgezeichnete Stadt kann und darf den Artenschutz nicht ignorieren.

Auch in der Eilenriede hat eine Randgruppe einen jahrelangen Kampf gewonnen. Die Mountainbiker. Bislang mussten die von der Flachheit Hannovers bestraften Querfeldeinradler in den Deister oder Harz ausweichen, um ihrer Leidenschaft Auslauf geben zu können   –   oder verbotenerweise und zum Schrecken und Ärger von Forstfunktionären, Waldläufern und Normalradlern künstliche Berg(chen), Hindernisse und Schanzen in die Eilenriede bauen. Auch für diese Randgruppe zeigte unsere Stadtregierung nun Herz und opferte neun (nicht ganz astreine) Eilenriedebäume sowie bescheidene 10.000 Euro und machte damit den Weg frei für absolut legales, „flow“ervolles Mountainbiken – mitten in der Stadt – in Nähe der Adolf-Ey-Straße. Was bei den Juchtenkäfern leider nicht möglich war, schaffte die Stadt clevererweise bei dieser Randgruppenbelustigung: Sie beteiligte die höchst kompetente Radler-Szene höchstpersönlich beim Bau des Wald-Parcours.

Eine dritte Randgruppe steht offenbar ebenfalls kurz vor dem Ziel. Die Surfer. Dem Vernehmen nach sind sie auf dem besten Weg, der Leine am Landtag eine künstliche Dauerwelle zu verpassen, um in absehbarer Zeit an dieser prominenten Stelle – ebenfalls mitten in der Stadt und ganzjährig – ihrem Hobby frönen zu können. Welches Sümmchen die Stadt für dieses Surfer-Paradies locker machen soll, kann oder will, wird sich zeigen. Ich drücke den Surfern jedenfalls die Daumen und verabschiede mich zu ihren Gunsten schweren Herzens von meinem Traum einer „neuen Flusswasserkunst“, nachdem ja die vom Krieg verschont gebliebene „alte Flusswasserkunst“ gegen den Willen der Bevölkerung 1963/64 „abgetragen“ wurde. Keine Angst, ich stellte mir kein neues oder rekonstruiertes Gebäude, sondern ein von den Bürgern finanziertes extravagantes Licht- und Bewegungskunstwerk vor. Unter der Leine und über der Leine und zu 100 Prozent mit Leinewasserkraft betrieben. Und keine Sorge, ich werde es verkraften, für dieses Outing bei der nächsten „randgruppenbeleidigung“ als „widerlicher Spaßverderber“ oder „unrealistischer Tagträumer“  eingestuft und abgestraft zu werden.

Erwin Schütterle
www.natuerlichhannover.de

PS. Auch diese Kolumne ist wieder meine absolute Privatmeinung. Kritik (oder Lob) deshalb ausschließlich an mich.

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