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Hut ab!, 09/2015

Da staunt der Hannoveraner und 2,25 Millionen ZEIT-Leser wundern sich! Anfang August schreibt die ZEIT von sinkender Akzeptanz für Flüchtlinge und dass man in den Nachrichten immer öfter Bilder von ausgebrannten Dachstühlen und grölenden Neo-Nazis aus Meißen, Reichertshofen, Freital sehe. Und jetzt zitiere ich: „Bilder aus Wettbergen sieht man nicht. Wettbergen ist ein Stadtteil von Hannover, dort gibt es, pro Kopf gerechnet, etwa so viele Flüchtlinge wie in Freital. Trotzdem hat dort kein Heim gebrannt, auch nicht in anderen Teilen Hannovers. Um die 2750 Fremden, die in der Stadt leben, kümmern sich rund 1000 Freiwillige.“

Hut ab vor diesen humanen Hannoveranern, die nicht herumeiern, nicht jammern und klagen, sondern beherzt und pragmatisch das Flüchtlingselend anpacken. Hut ab vor diesen großartigen Menschen, die, allein oder in Gemeinschaft, prominent oder stinknormal, für diese armen, teilweise traumatisierten Menschen Kleider, Möbel, Geld sammeln, private Deutschkurse geben, bei Behördengängen helfen, Flüchtlingskinder betreuen oder Lehrstellen und Sportmöglichkeiten vermitteln. Hut ab vor den lokalen Medien, die ausgewogen diese Thematik beleuchten und dabei nie den menschlichen Aspekt aus dem Auge verlieren. Hut ab vor den Schülern und Sportlern, die Verständnis für die temporäre Zweckentfremdung ihrer Sporthallen haben. Hut ab vor unserem Landesbischof und all den Mitbürgern, die Flüchtlinge in ihrem Haus aufnehmen. Hut ab vor der Messe AG, die mit der Bereitstellung der Halle 21 kurzfristige Unterbringungsengpässe löst. Hut ab auch vor dem Stadtrat und der Stadtverwaltung, die die undankbare Aufgabe haben, immer neue Wohnplätze ausfindig zu machen und besorgte Bürger von dieser Notwendigkeit zu überzeugen. Alle engstirnigen Angsthasen könnten von diesen Menschen erfahren, welch beglückende Erlebnisse und welche Bereicherung des eigenen Lebens damit verbunden sind.

Offenbar sind viele Menschen in Hannover (und in vielen anderen Städten auch) längst erheblich weiter als die große Politik. Im Gegensatz zu vielen Politikern auf Landes-, Bundes- und Europaebene haben ein Großteil der Bürger längst den Ernst der Situation erkannt. Sie reden nicht über das Problem, sie versuchen es zu lösen  -  oder wenigstens zu lindern. Bei der großen Politik habe ich indes das Gefühl, sie ist auf der Flucht vor diesem lästigen Thema und glaubt immer noch, Flüchtlinge würden sich durch unfreundliche bzw. unmenschliche Aufnahmen und noch mehr Schreckensmeldungen über ertrinkende Bootsflüchtlinge von der Flucht abhalten lassen. Oder mit noch mehr Mauern und noch mehr Zäunen könne man diese Völkerwanderung aufhalten. Jeden Tag lese und höre ich, was man alles tun müsste  -  aber es tut sich nichts. Alles wackelt, aber nichts bewegt sich! Keine klare Kostenregelung, kein konsequenter Schutz der Flüchtlingsheime vor demonstrierenden Rassisten und keine klare Kante gegen unbelehrbare Menschenfeinde. Keine kurzfristigen und keine langfristigen Maßnahmen, das Flüchtlingsproblem halbwegs in den Griff zu bekommen bzw. an der Wurzel zu packen. Kein Einwanderungsgesetz, keine Lockerung von Bauvorschriften, keine Verkürzung der Asylverfahren und damit verbundene (bittere aber offenbar unumgängliche) schnelle Ausweisung abgelehnter Asylbewerber bzw. schnelle Eingliederung der anerkannten Asylanten in den Arbeitsmarkt. Auch keine eilig anberaumten Bundestagssitzungen und europäischen Gipfelgespräche, wie sie bei der Griechenland-Krise möglich bzw. erforderlich waren. Es hilft nichts, ich muss jetzt mal polemisch werden und fragen, mit welchem Recht wir von Griechenland schnelle und drastische Maßnahmen und Gesetze fordern, aber nicht in der Lage sind, im eigenen Land ein brandheißes und für unsere Gesellschaft hochgefährliches Problem schnell und konsequent anzupacken. Ich fürchte: Wenn sich da in allernächster Zeit nichts tut, wenn die Regierung konkreten Maßnahmen weiterhin ausweicht und statt dessen das Flüchtlings-Thema zu parteipolitischen und wahltaktischen Spielchen verkommt, wird die Stimmung in Deutschland – auch in Hannover – kippen und der mich stolz machende Ansatz von gelebter Menschlichkeit wird untergehen in der Flut von Angst, Fremdenfeindlichkeit, offenem und verblümtem Rassismus  … und sie wird zu einer Spaltung der Gesellschaft führen.

Wer erinnert sich noch an die beherzte, wahrhaft christlich-soziale Aktion von Ministerpräsident Albrecht, der 1979 höchst unkonventionell 1000 vietnamesische Bootsflüchtlinge in Niedersachsen aufnahm? Heute, wo die Boote auf dem Mittelmeer immer voller und seeuntüchtiger werden, würde ich liebend gerne den Hut ziehen vor ebenso mutigen, zupackenden Politikern – egal auf welcher Ebene, egal von welcher Partei.

Erwin Schütterle
www.natuerlichhannover.de

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