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Stadtmusikanten, 04/2016

Irgendwie ist man fast ein bisschen froh darüber, wenn in den Medien und bei Stammtischgesprächen nicht immer nur Flüchtlinge, Gelbe Säcke oder Stadtbebauung im Vordergrund stehen, sondern zur Abwechslung mal ein echtes und alles andere als eintöniges Problem in unserer Stadt für Auf- und Erregung sorgt. Es geht um das unorganisierte öffentliche Musizieren in Hannovers City. Zweifellos ein heißes Thema, an dem man sich schnell die Finger verbrennen und auf das man nur „todernst“ reagieren kann. Zum Beispiel mit der Fiktion, dass die Stadt zur Lösung dieses Problems ausgesuchte Experten aus den Bereichen Politik, Musik, Handel, Gewerbe, Marketing, Recht und Ordnung, Kirche und soziale Dienste zu einer nichtöffentlichen Anhörung eingeladen hätte und mir, dank meiner guten Beziehungen, das streng geheime Protokoll dieser Geistersitzung zugespielt worden wäre. Folgende Kernaussagen wären darin zu finden:

„Der Musikexperte stellte unmissverständlich klar, dass, mit wenigen Ausnahmen, den öffentlichen Musikdarbietungen gutes bis gehobenes Niveau bescheinigt werden könne. Es sei davon auszugehen, dass viele, insbesondere ausländische Musiker professionell ausgebildet oder musikalisch hochbegabt sind. Das sei auch daran zu erkennen, dass sie ausnahmslos ohne Noten musizieren, was bei einheimischen Musikern doch eher die Ausnahme sei. Der Kirchenvertreter monierte nicht die Musik an sich, sondern den Umstand, dass die City-Passanten zu sehr gestresst und außerstande seien, einmal in ihrer Schnäppchenjagd innezuhalten, der Musik zuzuhören und sich von ihr erfreuen zu lassen. Die Sozialexperten wiederum betonten, dass es vernünftiger sei, sozial schwache Menschen mit Musikdarbietungen ihren Lebensunterhalt verdienen zu lassen. Das wäre für alle Seiten erträglicher als mit purer Bettelei. Sie monierten jedoch, dass Straßenmusik so gut wie ausschließlich von männlichen Musikern dargeboten werde. Auch in diesem Bereich solle man sich Gedanken über eine Frauenquote machen. Die Polizei teilte dem Gremium schriftlich mit, dass sie Wichtigeres zu tun habe als friedliche Musiker zu kontrollieren oder zu vertreiben. Der Marketingexperte gab zu bedenken, dass ein Verbot oder eine drastische Einschränkung der Straßenmusik eine Stadt – insbesondere eine „City of music“ – öde, langweilig und farblos erscheinen lasse und sie durchaus Anziehungskraft und Einzelhandelsumsatz einbüßen könne. Besuchermetropolen wie z.B. Barcelona hätten durch ausgesuchte Straßenmusik ihr Profil geschärft und ihre Attraktivität verstärkt. Kleinstädte, wie z.B. das italienische Ferrara oder das württembergische Ludwigsburg, seien durch jährliche Straßenmusikwettbewerbe international ins Gespräch gekommen. Er gibt zu, dass Hannover noch nicht so weit sei, dass es von Top-Wandermusikanten heimgesucht und aus diesem Grunde überwiegend von einheimischen Kräften bespielt werde. Um das klangliche Erscheinungsbild deshalb etwas zu variieren, schlug er vor, mit den Nachbarstädten Braunschweig, Hamburg und Bremen Musiker-Austausche im Verhältnis 1:1 zu vereinbaren. Da alle drei Städte per Niedersachsenticket erreichbar sind, hielten sich die damit verbundenen Kosten in Grenzen und könnten leicht durch die neuen Publikümmer wieder eingespielt werden. Der Wirtschaftsexperte gab sich ambivalent: Einerseits seien andauernde und monotone Musikdarbietungen vor und in den Läden nervend, wenn nicht sogar gesundheitsschädlich. Andererseits fand er anerkennende Worte für die wirtschaftliche Kompetenz der Straßenkünstler. Das Musikangebot sei mit einem überdurchschnittlich hohen Prozentsatz der Nachfrage angepasst und könne – je nach Zuhörerkreis – blitzartig geändert werden. Hohe Einnahmen könnten in diesem Genre nur generiert werden, wenn Angebot, Qualität und Präsentation stimmten. Die Relevanz des Point of Sale sei klar erkannt, bürokratische und steuerliche Belastungen existierten nicht, der Wettbewerb sei auf diesem Markt indessen hammerhart.

Zum Bedauern einiger Gesprächsteilnehmer lehnte die Stadt eine obligatorische qualitätsorientierte Straßenmusikeigungsprüfung weiterhin strikt ab. Anfreunden könne sie sich lediglich mit dem Vorschlag, dass die Passanten selbst die Qualität der Straßenmusiker beurteilten. Dafür sollten fälschungssichere Wertmarken von der Stadt ausgegeben werden. Die zehn bestbeurteilten Musiker bzw. Ensembles dürften dann bei einem öffentlichen Jahreskonzert im großen Pavillon-Saal ihr wahres Können unter Beweis stellen. (Persönliche Anmerkung: Versuchsweise würde ich diese ausgezeichneten Musiker gerne auf meiner Fête-de-la-Musique-Bühne präsentieren.)

Einstimmig abgelehnt wurde der Vorschlag, mittels GEMA die Straßenmusiker zu vergrämen. Ebenso der Antrag, einen Ortswechsel der Musiker per absetzbarer Sonderspende seitens der betroffenen Läden „erkaufen“ zu können. Nicht völlig überraschend lehnten Vertreter von Handel und Gewerbe den ins Spiel gebrachten Antrag ab, die Qualität, die Lautstärke und die Notwendigkeit sogenannter „Musikberieselung“ in Läden, Gaststätten und selbst auf Toiletten unter die Lupe zu nehmen.“

Erwin Schütterle
www.natuerlichhannover.de

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