Freundeskreis Hannover e. V.
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Mauern, 12/2016

Es ist nicht einfach über mein gel(i)ebtes Hannover zu schreiben – nur wenige Tage nachdem in Amerika ein Präsident gewählt wurde, der neben vielen anderen Torheiten angekündigt hatte, an der Grenze zu Mexiko eine sichtbare und zur restlichen Welt eine unsichtbare Mauer zu errichten. Mal abgesehen davon, dass dieser ungehobelte Nationalist im Weißen Haus möglicherweise reichlich „Kreide frisst“ und es ein für allemal unterlässt, so zu reden, wie man sich hierzulande in bestimmten Kreisen im Internet ausdrückt, mache ich mir mehr Sorgen um Europa als um die USA. Man kann ja viel gegen das multikulturelle Einwanderungsland Amerika haben, fest steht zumindest bislang, dass diese 240 Jahre alte stabile Demokratie über erstaunliche Selbstheilungskräfte verfügt.

Wenn hingegen in Europa Länder, die bis vor 71 Jahren noch unter einem größenwahnsinnigen, unmenschlichen - aber gewählten - Despoten und teilweise danach noch 45 Jahre lang unter sowjetischen Gewaltherrschern furchtbar gelitten haben, wieder ihr Heil in Nationalismus und Unmenschlichkeit sehen, dann wird mir angst und bange. Für mich ist es sowas, wie den Teufel mit Beelzebub auszutreiben, wenn man dem Nutzen und den Gefahren der digitalen Revolution, der damit verbundenen Globalisierung und den schlimmen Auswirkungen eines gierigen Kapitalismus mit Mauern und Abgrenzung begegnen will. Zusammenrücken, Austausch, das gemeinsame Sichern von Frieden und der errungenen Werte wäre zweifellos angebrachter. Wissen, sehen und begreifen diese nationalistischen Einfachdenker nicht, dass wir mit jeder Mauer, die wir um uns herum errichten, uns selbst einsperren, uns wirtschaftlich schaden und uns menschlich diskreditieren. Sollen, wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der Mit-Menschlichkeit, Empathie, Lebensfreude, offene Grenzen, Freiheit und Demokratie keine Rolle mehr spielen?

Wie weit sind wir in Deutschland gekommen, wenn z.B. 27 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer in München eine vier Meter hohe „Schallschutzwand“ gebaut wird, um Einheimische vor dem vermeintlichen Lärm eines Flüchtlingsheimes zu schützen? Oder wenn z.B. in Essen in einem Geldautomatenraum ein älterer Mann zusammenbricht und erst der fünfte Geldabheber oder Geldeinzahler sich um Hilfe kümmert?

Wie sieht es in Hannover aus? Politisch wagen nach der Wahl die ernst zu nehmenden Rats-Parteien den (möglicherweise auch bundespolitisch) hochinteressanten Versuch, parteiliche Machtmauern abzubauen und stattdessen im demokratischen Konsens Sachentscheidungen zu fällen. Auf der zwischenmenschlichen Ebene frage ich mich, ob sich die Menschen nicht immer mehr digital „einmauern“ und direkte menschliche Kontakte einfach nicht mehr gewünscht oder möglich sind. Ein ganz persönliches Beispiel: Bei einer Stadtbahnfahrt durch unser Baustellenchaos ließ es sich nicht vermeiden, dass ich zwei Menschen um Rat fragen musste. Mir wurde freundlich geholfen, aber erst nachdem sich die Angesprochenen digital entstöpselt hatten. Dass man in Fahrstühlen schweigt ist nichts Neues. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, wann ich (seit einigen Jahren autolos) das letzte Mal in einer Straßenbahn mit fremden Personen ins Gespräch kam. Oder: In meinem Haus leben zwölf Mietparteien. Vier davon kenne ich. Seit geraumer Zeit versuchen wir mit so was Ähnlichem wie einer Hausparty einmal alle Mitbewohner ein bisschen näher kennenzulernen. Ich weiß nicht, ob wir es schaffen werden. Was mir noch aufgefallen ist: Wenn ich im Umfeld von Hannover durch Eigenheim-Neubauviertel radle, habe ich den Eindruck, dass, etwas zugespitzt ausgedrückt, die Häuslebauer zuerst eine Mauer um ihr Grundstück bauen …und dann ihr Häusle. Also ich würde Depressionen bekommen, wenn ich aus meinem eigenen, großzügig mit Fensterflächen ausgestatteten Haus nur auf eine massive, undurchsichtige, oft auch noch dunkle Mauer gucken müsste.

Besteht da womöglich ein Zusammenhang zwischen privater Verschlossenheit, egoistischen Tendenzen und politischem Verhalten? Vor was haben diese Unzufriedenen eigentlich Angst? Kann es sein, dass (auch gebildete, auch gut situierte) Menschen sich immer mehr vom realen Leben entfremden und deshalb ihre Er-Lösung bei simplen „Bauernfängern“ suchen? Kann es auch sein, dass sich die etablierten Politiker so in ihren eingefahrenen Politikbetrieb „eingemauert“ haben, dass sie sich immer mehr von den Menschen entfremden bzw. bestimmte Clientel aus den Augen verloren haben? Zum Glück gibt es die andere Seite: Offene, beherzte Menschen, die sich beispielsweise ganz unspektakulär um Flüchtlinge kümmern oder sich anderweitig gesellschaftlich einbringen und damit Ihrem Leben einen befriedigenden Sinn geben. Oder junge Menschen, die ausflippen, wenn sie die Chance wahrnehmen, mit wildfremden Menschen unmittelbar zu kommunizieren. Deshalb: Schenken Sie Ihren Mitmenschen zu Weihnachten und im Neuen Jahr: persönliche Zeit …zusammen mit Ihren echten Ohren und Augen!

Erwin Schütterle
www.natuerlichhannover.de

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