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Blindgänger, 06/2017

Es ist genauso erstaunlich wie erfreulich, immer wieder mal festzustellen, was für ein unaufgeregtes, pragmatisches und solidarisches Völkchen diese Hannoveraner und Hannoveranerinnen sind. Da mussten am Sonntag, den 7. Mai, bei der bundesweit zweitgrößten Evakuierungsaktion seit dem Zweiten Weltkrieg nicht weniger als 50.000 Menschen um 9 Uhr ihr Zuhause verlassen … ohne zu wissen, wann genau sie wieder heimkehren dürfen und ohne sicher zu sein, ob ihre vier Wände und alle ihre Fenster bei der Rückkehr noch heile sind. 50.000 Menschen, so viele wie sämtliche Einwohner der Stadt Goslar, haben klag-, reibungs- und drucklos und so flott „das Feld geräumt“, dass ohne Verzögerung planmäßig um 14 Uhr mit der Bombenräumung begonnen werden konnte. Währendessen besuchten die vorübergehend Heimatlosen ihre Freunde, Verwandten, die eintrittsfreien Museen, den preisreduzierten Zoo, verbilligte Konzerte und Kinos, die eigens geöffnete Stadtbibliothek oder nahmen diesen Zwangsexodus zum Anlass, ihre Reise- und Ausflugspläne an diesem Wochenende in die Tat umzusetzen.

Stellvertretend für die ca. 480.000 nicht betroffenen Stadtmenschen bedanke ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bei den „Opfern“ für ihr verständnisvolles, kluges und gelassenes Verhalten. Ich bedanke mich bei der Feuerwehr, der Polizei, den zahlreichen Hilfsorganisationen, den Kulturspendern und allen sonstigen haupt- oder ehrenamtlichen Beteiligten für diesen denkwürdigen Einsatz. Voller Respekt und Hochachtung danke ich, last but not least, den Männern vom Kampfmittelbeseitigungsdienst, die mit ihrem lebensgefährlichen Einsatz uns von den brisanten Altlasten des letzten Krieges befreien.

So widersinnig es ist, bei extrem freudigen Zusammenkünften von einer „Bombenstimmung“ zu sprechen, so befremdlich ist es für mich, dass diese heimtückischen Kriegs-Altlasten „Blindgänger“ genannt werden. Irgendwie ein niedlicher Begriff für diese – im wahrsten Sinne des Wortes – tickenden Zeitbomben, die mit zunehmendem Alter immer gefährlicher und unberechenbarer werden. So wenig wie ihre explodierten Artgenossen waren sie weder blind noch gehfähig, sie wurden aus Flugzeugen abgeworfen …. und haben nach dem Abwurf Gott sei Dank nicht funktioniert. Einer der drei jetzt in Hannover unschädlich gemachten englischen Blindgänger, ein 250-Kilo-Monster, machte Probleme und musste vorsichtig mit einem Wasserstrahlschneider sonderbehandelt werden. An dieser Stelle ausnahmsweise einmal kein erhellender Ausblick, sondern ein nachdenklicher Rückblick: Am 26. April vor 80 Jahren haben zahlreiche solcher 250-Kilo-Monster (made in Germany) das baskische Städtchen Gernika heimgesucht und dem Erdboden gleich gemacht. Sie funktionierten einwandfrei und wurden aus deutschen JU 52, stationiert in Wunstorf und Langenhagen, abgeworfen. Die irreguläre Aktion mit dem poetischen Namen „Legion Condor“ war ein „erfolgreicher“ Testlauf für den großen Krieg mit am Ende 70 Millionen Toten, davon 6 Millionen systematisch ermordeter Juden, einer Unmenge zerstörter Städte und Dörfer, 14 Millionen Flüchtlingen. Wie man jetzt in Hannover sah, haben wir auch nach siebzig Jahren noch mit den Folgen dieser hausgemachten Welt-Katastrophe zu kämpfen und müssen trotzdem mit Erschrecken zusehen, wie in Deutschland und dem Rest der Welt wieder Politiker gewählt werden, die dem Geist jener menschenverachtenden Nationalisten nahe stehen, die den großen Weltbrand ausgelöst haben.

Was ich damit sagen will: Die Blindgänger in der Erde sind schlimm genug. Ein größeres Problem sind für mich hingegen die Blindgänger auf der Erde, die weder sehen noch einsehen, was Krieg, was Bomben angerichtet haben … und in diesen Tagen unvermindert anrichten.

Erwin Schütterle
www.natuerlichhannover.de

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